Norbert Schindler, Ein bäuerlicher Münchhausen?
war eine charakteristische Auflösungserscheinung der überkommenenHofnarrenrolle. Die durchgängige Tendenz seines Buchs geht dahin, dieHerrschaftsnähe zur persönlichen Beziehung hochzustilisieren und dieunangenehme Kehrseite der Distanzierung, Marginalisierung, ja Brüs-kierung herunterzuspielen. So etwa beim kaiserlichen Empfang im gro-Ben Festsaal der Innsbrucker Residenz im August 1765, zu dem ihn seinGönner, der Tiroler Graf Künigl, mitgenommen hatte. Er befahl ihm,in einer Ecke zu warten, bis er ihm vielleicht die Möglichkeit eröffnenkönnte, beim Kaiser vorzusprechen und ihm seine Handschuhware anzu-bieten. Proschs Beschreibung jedoch lautet:„ Nach einer halben Stundeerblickte[ sic!] mich der Kaiser Franciskus und winkte mir sogleich, daßich zu ihm kommen sollte." 39 Er erwähnt mit keinem Wort, ob er aufdie Vermittlung Künigls hin herbeigewunken wurde, sondern erwecktmit seiner Erzählung den Eindruck, als habe der Kaiser ihn wie einenalten Bekannten persönlich zu sich gerufen. Man sieht, wie leicht durchgeringfügige Weglassungen und Selbststilisierungen der Eindruck fal-scher Nähe beim Erzähl- bzw. Lesepublikum erzeugt werden kann. ImVerlauf seiner höfischen, Karriere' wurde er dann immer leutseliger inder Schilderung seines Umgangs mit den Eminenzen und Exzellenzen.Den im Alter erblindeten Regensburger Fürstbischof Anton Ignaz vonFugger- Glött( 1711–1787) nannte er noch ansatzweise realistisch„ meinguter Freund und Patron" 40, die Witwe Maria Anna41 des bayerischenKurfürsten Max III. Joseph( 1727-1777), bei der er nun öfter im SchlossFürstenried einkehrte,„ meine Kurfürstin" 42. Die Markgräfin FriederikeCaroline von Ansbach( 1735-1791), eine Prinzessin aus der ernestinischenHerzogsdynastie Sachsen- Coburg- Saalfeld, 43 im 19. Jahrhundert dann eng
39 Ebd., S. 102.
40 Ebd., S. 245. Den Reichsgrafen Fugger- Glött, der 1769 Bischof von Regensburgwurde, kannte Prosch schon von seinen frühen Hausiererfahrten als Fürstpropstdes Kanonikerstifts Ellwangen.
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Maria Anna von Sachsen( 1728-1797) war eine Enkelin Augusts des Starken.Ebd., S. 276. Der bayerische Kurfürst hatte ihn früher nicht nur beim Fingerhakelnüber den Tisch gezogen. Ebd., S. 187–189.
Verheiratet seit 1754 mit Markgraf Karl Alexander. Die Ehe blieb kinderlos. Nachihrem Tod 1791 trat Karl Alexander Ansbach- Bayreuth an Preußen ab, heirateteseine Mätresse Elizabeth Craven und zog sich als Gutsherr und Pferdezüchter imenglischen Exil ins Privatleben zurück.
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