94 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXXII/ 121, 2018, Heft 1
zog. Er verstand zunächst nicht, weshalb jene, die ihn scheinbar hofierten,ihn zugleich unablässig foppten und quälten; die Erkenntnis, dass beidesunmittelbar zusammenhing, dämmerte ihm nur langsam. Zum anderenspielte natürlich das Geld eine wichtige Rolle. Für jeden üblen Streich,den man ihm spielte, rollten ein paar Dukaten, die ihm freilich nicht zuReichtum verhalfen. Sonst hätte er nicht weiterhin eifrig nebenbei mitseinen Handschuhen gehandelt, die er von Innsbrucker Säcklern bezog.Prosch bezeichnete sich selbst als„ Projektemacher" 36, eine in der höfi-schen Welt der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts weitverbreitete, Pro-fession', die Scharlatane aller Art hervorbrachte; er war ein sehr genaurechnender und kalkulierender Mann, wie schon die minutiöse Buchfüh-rung bei seiner Hochzeit zu Ostern 1762 zeigte, 37 und er wusste, dassdie Spendabilität der Herren umso größer war, je mehr Wirkung er überihre derben Späẞe an den Tag legte. Wir haben es also mit einer Öko-nomie der( Schein-) Unterwerfung zu tun, die masochistisch zu nennenvollkommen in die Irre führen würde. Schon eher war sie ein kalkuliertes,freilich niemals genau kalkulierbares und deshalb riskantes Selbstauslie-ferungsspiel. Es drehte sich im Kern um die Herrschaftsnähe, die manals später Hofnarr zwar häufig eher erlitt als erlebte, aber die einen dochauch mit der Zugehörigkeit zu einer höheren Sphäre und Insiderinfor-mationen ausstattete, über die der gemeine Untertan, ja selbst der Groß-teil des Adels nicht verfügte und die sich einem staunenden Publikumprestigebringend erzählen ließen. In seinem Text gibt es bezeichnender-weise nur wenige Stellen, die einer Beschwerde über all seine Misshand-lungen gleichkamen, so etwa, wenn er einräumte,„ es ist doch eine harteSache, mit großen Herrschaften umzugehen, denn man muß angeführtwerden" 38., Angeführt zu werden' ist bekanntlich eine österreichischesprachliche Lenisierung des Umstands, an der Nase herumgeführt undzum Narren gehalten zu werden. Dafür beteuerte er hundert Mal, dassall die hochgestellten Persönlichkeiten, die ihn unablässig vexierten, ihngerne gesehen, ja„ lieb gehabt“ hätten. Prosch, der nicht mehr über diegeradezu intime Nähe der festbestallten Hofnarren zu ihren Herrschernverfügte, sondern eher nur bei Gelegenheit, etwa anlässlich der Fürsten-geburtstage, an den Hof gerufen wurde, beschwor diese verloren gegan-gene Einheit mit seinen Herrn natürlich umso mehr. Der, Hoftiroler
36 Prosch 1964( wie Anm. 9), S. 159.
37
Ebd., S. 62-65.
38
Ebd., S. 189.