90 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXXII/ 121, 2018, Heft 1
ein nicht unwichtiges
heit ungeschminkt ins Gesicht sagen zu dürfenInformationskorrektiv für die Fürsten in einer Welt der Hofschranzen, inder Verstellung und Buckelei vorherrschten. 18 Er war bis in Kleidung undHabitus hinein der„ groteske Doppelgänger des Königs" 19, sein lächerli-cher, ihn allzeit, erdender' Intimus, die Kehrseite der Herrschaftsmedaille.Dies verschaffte ihm eine geradezu körperliche Herrschaftspräsenz an derSeite seines Fürsten, die viele Höflinge mit Neid erfüllte. Die einzige,jedoch entscheidende Bedingung seiner privilegierten Existenz war, dasser seinen Narrenstatus niemals überschreiten, dass also sein Handeln nichtin Ernst umschlagen durfte. Obwohl selbst nicht als Mensch, sondern eherals ein„, närrisch Ding" wahrgenommen, bestand seine vornehmste Auf-gabe darin, den Herrscher zum Lachen zu bringen und ihn damit an seineallzu menschlichen Schwächen zu erinnern. Mit der Verfestigung der höfi-schen Gesellschaft in der Barockzeit jedoch begannen sich diese Prämis-sen zu verschieben, und der Hofnarr wurde zunehmend zum Prellbock,zum bevorzugten Prügelknaben, an dem die aristokratischen Granden ihrMütchen kühlten- und ihre soziale Überlegenheit demonstrierten. DieseEntwicklung war vor allem auch eine Folge der Auflösung der traditionel-len Hofnarrenrolle. Solange der Narr das persönliche Pendant des Herr-schers war, war er vor Nachstellungen des Hofstaats weitgehend gefeit.Als jedoch diese bipolare Beziehung erodierte und man dazu überging, nurnoch Gelegenheitsnarren auf Zeit an den Hof zu rufen, traf diese die Eifer-sucht der Höflinge mit voller Wucht. Nicht die Herrscher, sondern ihreSteigbügelhalter aus dem zweiten oder dritten Glied waren auch damalsschon die bissigsten Hunde. Die Göttinger bzw. Wiener ErzählforscherinElfriede Moser- Rath betonte in ihrer„ Lustigen Gesellschaft" von 1984,
,, wie übel die Hofgesellschaft[...] oft mit den Spaßmachern umgegan-gen ist, wie man diese meist aus ländlichem Milieu stammenden unddementsprechend weltfremden Burschen gefoppt, gequält, erschrecktoder zum Gaudium des ganzen Hofstaats in beschämender Weisemalträtiert hat." 20
Dieses Prügelknaben- Schicksal widerfuhr auch Peter Prosch. Er wurdenicht nur konsequent unter Alkohol gesetzt( der„ Saufteufel", wie die
18 Maurice Lever: Zepter und Narrenkappe. Geschichte des Hofnarren.
München 1983, S. 121.
19
Ebd., S. 183.
20
Moser- Rath 1984( wie Anm. 17), S. 69.