Aufsatz in einer Zeitschrift 
Ein bäuerlicher Münchhausen? : die Memoiren des Zillertaler ,Hoftirolers' Peter Prosch
(1789)
Einzelbild herunterladen
 

Norbert Schindler, Ein bäuerlicher Münchhausen?

einem besseren Leben festhielt, so seltsam ihre schlicht gestrickten, Hansim Glück'- Geschichten auch klingen mochten. In ihnen wurde reichlichdick aufgetragen und über die konventionellen Standesgrenzen hinweg-fabuliert. Prosch war ein früher Clown, eine Zirkusfigur, deren Bühneerst allmählich bereitet wurde, und dementsprechend ernst und unernstzugleich sollte man seine autobiographischen Aufzeichnungen auch neh-men. Seine Biographie bietet aber auch die nahezu einzigartige Chance,den lebensweltlichen Zusammenprall der höfischen Herrschaftskultur mitder Volkskultur bis in seine Einzelheiten und folkloristischen Brechungenhinein zu verfolgen, und das macht sie für uns so wertvoll. Die drolligenZillertaler mit ihren weiten Trachtenhosen, die jedermann pseudoein-fältig duzten, verstanden sich auf die Kunst der naiven Verstellung. Siewurden in einem seltsamen höfisch- romantischen Vexierspiel zu Volks-schauspielern gemacht, akzeptierten die ihnen aufgestempelte Rolle undwussten die Klischees, die man draußen und vor allem in den gebildetenStänden vom einfachen Leben des Gebirgsvolks hegte, gewinnbringendfür sich zu bedienen. Dafür hatten sie- und das war wahrscheinlich dieHöchststrafe fortan als folkloristische Karikaturen ihrer selbst durchdie Welt zu laufen. Wer jedoch glaubt, sie hätten damit ihre Haut zuMarkte getragen und sich selbst zu Waren gemacht, erliegt einem vulg-ärmarxistischen Kurzschluss und unterschätzt die Schlitzohrigkeit, diezu ihrem Geschäftssinn gehörte.16 Sie erkannten frühzeitig die kulturelleLücke, wussten, wie man sich medienwirksam darzustellen hatte, d. h. siespielten ein Spiel mit, das man ihnen aufoktroyiert hatte, sie beliefertendie Illusionen, aber sie waren entfernt davon, diese Bühne mit ihrer sozi-alen Realität zu verwechseln.

Die Höfe waren, wie Abraham a Santa Clara gesagt hatte, ein, schlipf-feriges Pflaster". 17 Als Kind genoss man noch einen gewissen Naivitäts-schutz, aber wenn man sich als normalsterblicher Jugendlicher oder garErwachsener in diese höhere Sphäre vorwagte, erlebte man über kurz oderlang unweigerlich sein blaues Wunder. Im 15./16. Jahrhundert hatte derHofnarr noch etwas vom alternativen Touch des verrückten Weisen, ja desmit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestatteten Tricksters, der als einzigerdas Privileg besaẞ, seinem Herrn den Spiegel vorzuhalten und die Wahr-

16 Jeggle, Korff 1974( wie Anm. 3), S. 43 u. 47.

17

Abraham a Santa Clara, zit. in: Elfriede Moser- Rath: Lustige Gesellschaft. Schwankund Witz des 17. und 18. Jahrhunderts in kultur- und sozialgeschichtlichem Kontext.Stuttgart 1984, S. 144.

89