Norbert Schindler, Ein bäuerlicher Münchhausen?
hervorbrachte, in alle Welt exportierte und mit ihrem exotisch Glossar ::: zum Glossareintrag exotisch anmu-tenden, alpinen Ton' nicht nur zum romantisch verklärten„ Natur-" bzw.,, Nationalsängertum“ avancierte, sondern u. a. auch dem bürgerlichenRührstück sui generis, dem Weihnachtshit„ Stille Nacht, Heilige Nacht"zu internationaler Geltung verhalf.8
Aus diesem Milieu stammt die 1789 erschienene Lebensbeschrei-bung des„, Hoftirolers" Peter Prosch( 1744-1804), der sich in der zweitenHälfte des 18. Jahrhunderts als eine Art wandernder Hofnarr an zahlrei-chen süddeutschen und österreichischen Höfen aufhielt. Während dieklassische bürgerliche Autobiographie, etwa des Pietismus, im persönli-chen Bekehrungs- und Erweckungserlebnis und der Idee einer individu-ellen Höherentwicklung ihren roten Faden fand, an dem die einzelnenEreignisse wie Perlen an der Schnur aufgereiht werden konnten, 10 bliebProsch der, wilde Erzähler', der in seiner Lebensbeschreibung lediglichunzählige in sich abgeschlossene Geschichten ohne erkennbare innereEntwicklung chronologisch aneinanderreihte. Sein Text bewegte sichsemantisch klar im Bannkreis der mündlichen Rede, und er verkörperteeine Fabulierkunst, in der sich Fakten und Fiktionen durchmischtenund den seriösen Selbstzeugnis- Historikern der frühen Neuzeit dement-sprechende Rätsel aufgaben.
Doch bevor wir uns seinem spezifischen Erzählmodus zuwenden,seien hier erst einmal die Eckdaten seiner jungen Jahre und damit seiner
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In London etwa waren, ähnlich wie in den großen deutschen Städten, die Tiroler-lieder schon 1827„ sehr in Mode". Vgl. Tobias Widmaier: Salontiroler'. AlpinerMusikfolklorismus im 19. Jahrhundert. In: Histoire des Alpes- Storia delle
Alpi
- Geschichte der Alpen 11, 2006, S. 61-72, hier S. 66.
Renate Ebeling- Winkler: Auf den Spuren von„, Stille Nacht! Heilige Nacht!" inNorddeutschland. In: Thomas Hochradner( Hg.):„ Stille Nacht! Heilige Nacht!"zwischen Nostalgie und Realität. Joseph Mohr- Franz Xaver Gruber- ihre Zeit.Salzburg 2002, S. 163–183.
Peter Prosch: Leben und Ereignisse des Peter Prosch, eines Tyrolers von Riedim Zillerthal, oder Das wunderbare Schicksal Geschrieben in den Zeiten derAufklärung. Herausgegeben von Karl Pörnbacher, München 1789, Nachdruck,München 1964. Neuer Nachdruck unter dem Titel: Peter Prosch, Der freiwilligeHofnarr. Memoiren des Peter Prosch, Handschuhhändlers aus Tirol. Hamburg2011. Vgl. auch: Constant Wurzbach: Biographisches Lexikon des KaiserthumsOesterreich 24. Wien 1872, Sp. 17f.
Günter Niggl: Geschichte der deutschen Autobiographie im 18. Jahrhundert.Theoretische Grundlegung und literarische Entfaltung. Stuttgart 1987; UlrikeGleixner: Pietismus und Bürgertum. Eine historische Anthropologie der Frömmig-keit. Göttingen 2005.
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