86 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXXII/ 121, 2018, Heft 1
dementsprechend bis weit ins 19. Jahrhundert hinein von Armut, Abwan-derung und saisonalem Hausierertum geprägt.3 Um 1810 gingen etwatausend Zillertaler der Wanderarbeit nach.4 Aber die Armutsökonomiedes Tales hatte auch ihre Kehrseite einer gewissen Weltläufigkeit, die dasüber Jahrhunderte hinweg erzwungene unstete Wanderleben der jünge-ren Männer mit sich brachte.5 Die Zillertaler waren keine Hinterwäld-ler, sondern wohlinformierte und gewitzigte Leute, die wussten, wie dieDinge draußen liefen, und für ihre Spottlust bekannt waren. Der histori-sche Topograph Lorenz Hübner beschrieb den Zillertaler„ Volkscharak-ter" 1796 folgendermaßen:
„ Der Zillerthaler[...] ist lebhaft, arbeitsam, erfinderisch, und unver-drossen; doch dabey etwas starrsinnig, hasset blinden Gehorsam, undhandelt äußerst ungern wider eigene Überzeugung. Er bedarf dahereiner bescheidenen klugen Behandlung von Seite der Beamten[...].Der hiesige Landmann ist nichts weniger als Andächtler[...]. DerGottesdienst an Sonn- und Feyertagen muß kurz, die Predigt nichtüber eine halbe Stunde lang seyn[...]. Überhaupt ist er Liebhaber vonNeckerey und Bespöttelung. Da er eine große Neigung zur Unge-bundenheit äußert, die manchmahl durch häufiges Branntweintrinkenbefördert wird; so muß er immer gelinde behandelt werden, wenn ernicht zu tumultuarischen Auftritten gereitzet werden soll."
Bekannt waren und sind die Zillertaler bis auf den heutigen Tag vor allemfür ihre Tanz- und Sangesfreudigkeit. In unmittelbarem Zusammenhangmit der Wanderarbeit und ihren Elementarszenen des Abschieds, derTrennung und Wiederkehr, aber auch als direkter Türöffner für ihre Hau-sierertätigkeit entstand eine populäre Musikkultur, die seit dem frühen19. Jahrhundert fortwährend Sänger- und Wandermusikantengruppen
3
4
5
6
Utz Jeggle, Gottfried Korff: Zur Entwicklung des Zillertaler Regionalcharakters.Ein Beitrag zur Kultur- Ökonomie. In: Zeitschrift für Volkskunde 70, 1974,S. 39-57.
Erich Egg: Die Tirolische Gesellschaft. In: Ders.( Hg.): Die Tirolische Nation1790-1820. Ausstellungskatalog. Innsbruck 1984, S. 19-37, hier S. 19.Allgemein: Franz Mathis: Mobilität in der Geschichte der Alpen. In: Histoire desAlpes Storia delle Alpi- Geschichte der Alpen 3, 1998, S. 10-23.
Lorenz Hübner: Beschreibung des Erzstiftes und Reichsfürstenthums Salzburgin Hinsicht auf Topographie und Statistik, Bd. 3: Die übrigen Gebirgsortschaften,und die ausländischen Herrschaften des Erzstiftes. Salzburg 1796, S. 723.