70 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXXII/ 121, 2018, Heft 1
Museum macht( Anti-) Mode. Anfänge der Trachtenberatungund Trachtenerneuerung in den 1930er- Jahren
Die zeitgenössische„ Lebensideologie", die sich hier zum Umgang mitKontingenz und einem sachlichen Habitus gesellt, 139 kreiste nach Mar-tin Lindner um die Wahrnehmung einer Krise. Sie wurde darin erkannt,dass die alte, Form' das dynamische Leben zu hemmen beginnt und dieneue, Form noch nicht entstanden ist“. 140 Was die„ alte Form" betrifft,wurde sie vom Museum weiterhin gesammelt. Noch 1934 entwarf Ring-ler einen regelrechten„ Feldzugsplan", um im Gefolge der Trachtenbe-wegung zusammen mit Pesendorfer und anderen weitere Antiquitätenans Museum zu bringen. 141 Gleichwohl war das Altertümer- Sammelnnegativ konnotiert: Händler und Leihanstalten machte Ringler für ein„ Zusammenschmelzen" der Überlieferung vor Ort verantwortlich. 142Und Pesendorfer kritisierte die Trachtenvereine, da diese„ Antiquareder Trachtenpflege" der Tracht bei historischen Umzügen bloß zu einemPseudo- Leben verhelfen würden. 143 Nur in Ausnahmefällen verlieh dasMuseum dafür eigene Stücke als Requisiten. 144 Aber war und blieb nichtauch das Museum das, was es nicht sein wollte: ein„ Schauplatz mit ver-eister Geschichte, mit bezettelten Schaustücken, mumifizierten Zelebri-täten[...], mottenzerfressenen Trachten"? 145 Es ist aufschlussreich, hierin die Geschichte der Kleidungsreformbewegung zu sehen, die Anfang
139 Für das Zusammenspiel der drei Aspekte sensibilisiert Helmut Lethen: Unheimli-che Nachbarschaften. In: ders.: Unheimliche Nachbarschaften. Essays zum Kälte-Kult und der Schlaflosigkeit der Philosophischen Anthropologie im 20. Jahrhundert(= Edition Parabasen, 10). Freiburg/ Br. u. a. 2009, S. 43-58.
140 Martin Lindner: Leben in der Krise. Zeitromane der Neuen Sachlichkeit und dieintellektuelle Mentalität der klassischen Moderne. Stuttgart, Weimar 1994, S. 5.141 Volkskundemuseum Wien, Archiv: Josef Ringler an Arthur Haberlandt, 9.4.1934;zit. bei Birgit Johler: Das Volkskundemuseum in Wien in Zeiten politischerUmbrüche. Zu den Handlungsweisen einer Institution und zur Funktion ihrerDinge. Dissertation, Universität Wien 2017, S. 107. Für den Hinweis danke ichBirgit Johler.
142 Ringler 1935( wie Anm. 135), S. 392.
143 Gertrud Pesendorfer: Wege und Ziele. Zwanzig Jahre Trachtenarbeit in Österreich.In: Die Warte. Blätter für Forschung, Kunst und Wissenschaft( Beilage zu: DieÖsterreichische Furche), Nr. 35, 30.8.1952, Sonderbeilage„ Trachtenerneuerung“, S. 2.
144 S. etwa Tiroler Anzeiger, 25.9.1930, S. 7.
145 So äußerte sich damals- in einer Diskussion über Kriegerdenkmäler- ein Kritikerüber Tirol insgesamt als„ Museum": o. V.: Kriegerdenkmaleinweihung in Ehrwald.In: Tiroler Anzeiger, 11.9.1928, S. 5.