66 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXXII/ 121, 2018, Heft 1
Um die Typen präsentieren zu können, beauftragten Ringler undPesendorfer den akademischen Bildhauer Virgil Rainer( 1871-1948)damit, für den Saal sechzig bis siebzig Figurinen zu schnitzen. 116 AlsVorlagen und orientierendes Material erhielt er neben Trachtengrafikenauch Fotografien der Figurinen am Bozener Museum zur Verfügunggestellt. 117 Deren Schöpfer Moroder- Lusenberg, der sich zuvor möglicher-weise ebenfalls um den Innsbrucker Auftrag beworben hatte, 118 scheintRainer aber gerade nicht als Vorbild gedient zu haben. Moroder- Lusen-bergs„ Manequini“- von denen eine einzelne( eine„ Grödner Braut“) inden Innsbrucker Saal einging-, waren sorgfältig geschliffen und grun-diert. 1191939 wurde ihre glatt- glänzende farbige Oberfläche in Bozenjedoch ,, weggelaugt“ und„ nachgeschnitzt". Sie sollten„, wieder[...] Holz-figuren" werden und nicht mehr das„ leicht unheimliche Gefühl" erwe-cken ,,, das einem in einem Wachsfigurenkabinett( dem früher so beliebten, Panoptikum) beschlich“. 120 Eben diese als gespenstisch wahrgenommene,, Naturalistik" 121 wollte Rainer in Innsbruck ein Jahrzehnt vorher offenbargar nicht erst aufkommen lassen. Teilweise gefasst, in Öl auf Temperalasiert und mit geschickt ausbalanciertem Gewicht, 122 porträtieren seineFiguren teils Menschen, denen er ein taltypisches Gesicht, eine taltypi-sche Physiognomie zuschrieb, teils Personen mit Bezug zum Museum wiePesendorfer. Die lasierten Köpfe muten kunsthandwerklich- gediegen an,
116 Zu Rainer vgl. Klaus Steiner: Virgil Rainer. Vom Bauernsohn zum akademischenBildhauer. Matrei in Osttirol o.J.[ 1991], zu den Figurinen ebd., S. 28, 31 f., S. 83-93.Eine historische- kritische Darstellung zu Leben und Werk fehlt bisher.117 TVKM Innsbruck, Mappe„ Trachtennotizen": Bestätigung Virgil Rainer anGertrud Pesendorfer, 24.12.1927.
118 Moroders Beteiligung an einem Wettbewerb vermutet Moser- Ernst 2016( wieAnm. 75), S. 266. Die Museumsakten geben( nach derzeitigem Kenntnisstand)allerdings nur Aufschluss darüber, dass mehrere Schnitzproben eingeholt wurden.Konkrete Hinweise zu Moroder- Proben konnten bisher nicht gefunden werden.119 Vgl. Moser- Ernst 2016( wie Anm. 75), S. 266-273.
120 Erwin Merlet: Zu den Trachtenfiguren des Bozner Museums. Ein Brief des MalersDr. E. M. In: Der Schlern 25( 10), 1951, S. 414 f., hier S. 414; vgl. auch Selheim( Hg.) 2005( wie Anm. 65), S. 55.
121 Merlet 1951( wie Anm. 120), S. 414.
122 Vgl. Volkskundemuseum Graz, Archiv: Ringler an Viktor Geramb, 12.10.1936,zit. bei Roswitha Orač- Stipperger: Werks- und Museumsgeschichte des Trachten-saales im Grazer Volkskundemuseum. In: Eisch- Angus( Hg.) 2016( wie Anm. 12),S. 43-55, hier S. 45. Wie Moroder- Lusenberg( vgl. Moser- Ernst 2016[ wie Anm.75], S. 273) betonte Ringler die konservatorisch- mottenabweisenden Qualitätender Zirbe.