Reinhard Bodner, Die Trachten bilden
ten ihn wohl eher mit dem vermeintlich Anderen der Tracht assoziiert:dem„ Modeteufel". Allerdings hat die Volkskunde/ Europäische Ethno-logie/ Kulturanthropologie/ Empirische Kulturwissenschaft seit den aus-gehenden 1970er- Jahren mit dem„ Denkstil Tracht" gebrochen.„ Tracht“wird im Fach heute keineswegs mehr mit realer ländlicher Kleidung asso-ziiert und im Kontrast zur Mode als etwas vermeintlich Vor- oder Anti-modernes, in der Zeit relativ Dauerhaftes, sozial relativ Einheitliches undregionalspezifisch Typologisches vorausgesetzt.„ Tracht" gilt als emotionalund ideologisch aufgeladene, wirkmächtige Erfindung, die sich allenfallsidealtypisch von einer Ebene tatsächlicher Funde trennen lässt. Als ana-lytische Kategorie hat der Trachtenbegriff sich damit als etwas durchausLuziferisches( hier im anti- aufklärerischen Sinn) herausgestellt, als„ Bur-sche, der falsches Licht bringt". Eine volkskundliche Kleidungsforschungschien erst in dem Maße möglich, in dem sie sich von der„ Trachtenfor-schung" als einer von den„, teuflisch viele[ n][...] Möglichkeiten der Wis-senschaft" distanzierte,„ auf Abwege zu geraten und sich zu verirren".Aus dem einstigen Kanongebiet der Trachtenforschung wurde damit einThema der Wissens- und Wissenschaftsgeschichte und gleichzeitig derGesellschafts- und Politikgeschichte. Das Museum kann als einer derzentralen Schauplätze einschlägiger Untersuchungen gelten, war„, Tracht"vielfach doch eine„ ,, Konstruktion der Sammler und Museumsgründer".10Problematisch ist aber eine Fokussierung auf das Museum allein. Dazu hatder Trachtenbegriff allzu viele Wanderungen durch verschiedene Feldererlebt auch im hier untersuchten Fall Tirols. Wenn es im Folgenden umverschiedene zeitgebundene soziale Aspekte des Umgangs mit„ Tracht"geht, dann bildet das Museum zwar einen Ausgangs- und Andockpunkt.Um aber ,, Kulturthemen und Epochensignaturen im Bezug auf das unter-
7 Die seit dem 17. Jahrhundert bekannte Figur findet sich z. B. bei HeinrichHansjakob: Unsere Volkstrachten. Ein Wort zu ihrer Erhaltung. Freiburg/ Br. 1892,S. 3.
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Vgl. Lioba Keller- Drescher:„ Tracht" als Denkstil. Zum Wissensmodus volks-kundlicher Kleidungsforschung. In: Gudrun M. König, Gabriele Mentges, MichaelR. Müller( Hg.): Die Wissenschaften der Mode(= Edition Kulturwissenschaft, 34).Bielefeld 2015 S. 169-184, bes. S. 180.
Sina Lucia Kottmann: Der Blick des Ethnologen Bruno Latour in die Büchseder Pandora Oder Die Hoffnung der Wissenschaften, in: Anthropos, Januar 2002,S. 220-223, hier S. 221; anknüpfend an Lakatos. In:( wie Anm. 2).Karen Ellwanger, Andrea Hauser, Jochen Meiners: Einleitung. In: dies.( Hg.):Trachten in der Lüneburger Heide und im Wendland(= Visuelle Kultur.Studien und Materialien, 9). Münster, New York 2015, S. 13-15, hier S. 13.
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