Rolf Lindner, Konjunkturen des Denkens
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haben sich die Dichter Österreichs seit jeher besonders gerne umge-tan", schreibt Friedrich Torberg in einem Essay.31 Aber Schnitzler warnicht nur ein Zeitgenosse Freuds. Freud und Schnitzler galten vielenaufgrund von Gemeinsamkeiten biografischer und inhaltlicher Art alsDoppelgänger. In einem Brief an Schnitzler zu dessen 60. Geburtstagsprach Freud sogar von einer gewissen„ Doppelgängerscheu“,„ die ihnbisher davon abgehalten hätte, das persönliche Gespräch mit Schnitz-ler zu suchen". 32„ Nicht etwa, dass ich sonst so leicht geneigt wäre,mich mit einem anderen zu identifizieren, oder dass ich mich überdie Differenz der Begabung hinwegsetzen wollte, die mich von Ihnentrennt", heißt es in Freuds Brief weiter,„ sondern ich habe immerwieder, wenn ich mich in Ihre schönen Schöpfungen vertiefe, hinterderen poetischen Schein die nämlichen Voraussetzungen, Interessenund Ergebnisse zu finden geglaubt, die mir als die eigenen bekanntwaren".33 Für Freud war jedenfalls der Traum der Königsweg zumUnbewussten; für Schnitzler ein Weg zur Selbsterkenntnis; deshalbhielt er seine Träume auch in einem Notatenheft fest.
In der Ausstellung Parallelaktionen ging das Sigmund- Freud-Museum letztes Jahr den Beziehungen Freuds zu den Literaten desJungen Wien( am Beispiel von Arthur Schnitzler, Hugo von Hof-mannsthal, Karl Kraus und Felix Salten) und vice versa nach. DasResultat der Recherchen bezüglich der Logik dieser Beziehungenwird bereits mit dem Titel der Ausstellung, nämlich Parallelaktionenangedeutet. Zwar verfolgten Freud wie auch die Literaten bei ihrerErkundung der menschlichen Seele ähnliche Ziele, aber es lässt sichnicht eindeutig feststellen, ob die Literaten von Freud beeinflusstwurden oder ob sie manche Einsichten der Psychoanalyse vorwegge-nommen haben. Vor allem der Schriftsteller Hermann Bahr, Wort-führer des Jungen Wien, vertrat vehement die Ansicht, dass Schnitzlerder Vorläufer von Freud gewesen sei:„ So hat Schnitzler offenbart,vorausgebildet, was erst jetzt eine neue, erschütternde Erkenntnisder Wissenschaft geworden ist. Die von Wien ausstrahlend die Weltin Erregung und Bestürzung versetzt: die Psychoanalyse", argumen-
31 Torberg( wie Anm. 2), S. 91.
32 Monika Pessler: Parallelaktionen. Freud und die Literaten des JungenWien. Wien o. J., S. 13.
33 Gotthart Wunberg( Hg): Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst undMusik zwischen 1890 und 1910. Stuttgart 1981, S. 652.