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ÖZV, LXXIII/ 122, 2019, Heft 2
keit als eine den Zeiten entsprechende nüchterne Lebenshaltung, fernvon allem Pathos, alles Verschwommene und Schwankende meidend,funktional und effizient. Was Faktizität ist, entscheidet letztlich, soHelmut Lethen in seinen Überlegungen zum„ Habitus der Sachlich-keit", der Apparat, der geeignet zu sein scheint,„ die moralisch gefärb-ten Wahrnehmungen auszuschalten, um die, nackten Phänomene zuerfassen".26 Eben das, was auch Emil Ludwig als Fazit aus dem Expe-riment zog:„ nichts hinter den Phänomenen, sie sind selbst die Lehre."Sachlichkeit ist eine Lebenshaltung, die mit der Moderneverbunden ist, mit dem technisch- industriellen Komplex. Kein Wun-der, dass in Berlin, einer Stadt, der um 1900 der Ruf vorauseilt, diegrößte rein moderne Stadt in Europa zu sein, das Hohe Lied derTechnik gesungen wird.„ Es ist lächerlich“, so Alfred Döblin 1911,,, in einem Atem Hochbahn zu fahren und stets Haydn zu genießen,sozusagen".27 Das schließt sich für Döblin, der das Hohe Lied derTechnik singt, offensichtlich aus.
Im Unterschied dazu war um die gleiche Zeit in Bezugauf Wien in einem auffallenden Umfang von Traum die Rede. Istes angemessen, davon zu sprechen, dass in Wien an die Stelle derSachlichkeit der Traum tritt?„ Traum und Wirklichkeit“, so lau-tete bezeichnenderweise der Titel der großen Ausstellung über dieWiener Moderne.28 Als Wunsch- und Fantasievorstellung steht derTraum der Sachlichkeit erst einmal diametral entgegen.„ Das Träu-men setzt sich an die Stelle des Handelns", heißt es in Freuds Traum-deutung.29 Ist es so, dass die Frage von Psyche und Gesellschaft eineösterreichische Frage ist, wie Carl Schorske in seiner Studie über dasWien des Fin de Siècle vermutete? 30„ ,, Die Seele ist ein weites Land',heißt es bei Arthur Schnitzler, dem Arzt und Dichter, der seinerseitsein Zeitgenosse Sigmund Freuds war; und in diesem weiten Land
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Helmut Lethen: Unheimliche Nachbarschaften. Essays zum Kälte- Kultund der Schlaflosigkeit der Philosophischen Anthropologie im 20. Jahr-hundert. Freiburg, Berlin, Wien 2009, S. 54.
Krista Tebbe, Harald Jähner( Hg.): Alfred Döblin zum Beispiel. Stadtund Literatur. Berlin 1987, S. 24.
28„ Traum und Wirklichkeit, Wien 1870-1930". Ausstellung im WienerKünstlerhaus, 28.3.- 6.10.1985.
29 Sigmund Freud: Die Traumdeutung. Frankfurt a. M. 1982( 1900), S. 134.Carl E. Schorske: Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle. Mün-chen, Zürich 1994.
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