Rolf Lindner, Konjunkturen des Denkens
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mit Energie aufgeladen und unter Spannung gesetzt hat: Bloß nichtsverpassen, lautet die Devise! Fritz Kahn hat 1926 mit seiner LehrtafelDer Mensch als Industriepalast eine Allegorie des modernen Menschenals Kraftwerk geschaffen. Um die Bedeutung des Elektrischen im All-tag zu begreifen, muss alles zusammen gedacht werden: die Elektro-industrie als Leitindustrie, das entwickelte Verkehrswesen, Berlinals Wiege des Rundfunks, der Funkturm als Sender und Wahrzei-chen, die frühe Unterhaltungselektronik, die Schlagerindustrie( mitder Grammophon- und Schallplattengesellschaft Electrola, wie dieamerikanische Grammophone Company 1925 ihre Berliner Tochternannte), die Wanderschrift- Lichtreklame, die Zerstreuungsindust-rie, vor allem das Kino, und die allumfassende Elektrifizierung desAlltags mit ihren neuen Haushaltsgeräten( wobei insbesondere derHaartrockner, bald nur noch Fön nach der Marke der Sanitas GmbHgenannt, einen besonders hohen praktischen und symbolischen Stel-lenwert einnimmt, gewissermaßen als Aktant der Neuen Frau).23Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum den Zeitgenos-sen die Vorstellung einer Elektrodiagnose seelischer Eigenschaftennicht von vornherein als abwegig erschien. Im Gegenteil: Eine sol-che Technologie erschien dem Laienpublikum als logische Konse-quenz der technologischen Entwicklung, vorgezeichnet auch durchdas Mensch- Maschine- Denken in Wissenschaft und Populärkultur.Kaum erstaunlich daher, dass das Publikum, mehr als die Vertreter derWissenschaft, ein paar Jahre später die Elektroenzephalographie alseine„ mind- reading machine“ akzeptierte, wie Cornelius Borck aufge-zeigt hat.24 Endlich, so schließt Emil Ludwig seinen Erlebnisbericht,endlich regiert die Logik, endlich regiert die Zahl:„ Wir anderen, diewenig von Freud und den Seinen gewonnen haben, blicken aus denDämmerungen jener Zwischenwelt, deren Nebel von schwankendenKonklusionen durchschwommen werden, bewegten Herzens in dieKlarheit dieser Zahlen, des Goethe- Wortes eingedenk:, Man suchenur nichts hinter den Phänomenen; sie sind selbst die Lehre.“ 25 Inder Eloge auf die„ Klarheit der Zahlen“ artikuliert sich die Sachlich-
23
Eine Anzeige aus den 1920er Jahren führt zwanzig Verwendungsmöglich-keiten des Föns vom Haartrockner über die Schönheitspflege bis hin zumHilfsmittel bei der Säuglingspflege an.
24
Borck( wie Anm. 14), S. 585.
25
Ludwig( wie Anm. 13), S. 304.