Rolf Lindner, Konjunkturen des Denkens
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mehr täglichen Telefongesprächen als in New York. Nicht wenigerbedeutsam wie die Telefonierwut( die sich in Gabriele Tergits Berlin-Roman von 1931 – Käsebier erobert den Kurfürstendamm- in der all-gegenwärtigen Floskel„ Wir telefonieren“ literarisch ausdrückt¹8) wardie allgemeine, schichtenübergreifende Radiobegeisterung, die auchdie Arbeiterschaft erfasste, die sich in der Arbeiterradiobewegungorganisierte. Gerade das Radio bot die Möglichkeit, am technischenFortschritt der Zeit teilzuhaben. Vor diesem Hintergrund wird ver-ständlich, dass es den Zeitgenossen durchaus einleuchtete, dass dieelektrischen Kraftströme mithilfe der Detektoren auch etwas überseelische Eigenschaften verraten können. Dazu passt, dass zeitgenös-sisch auch von der„ Radio- Illumination der Seele“ durch die Diagno-skopie gesprochen wurde. Wenn man zeitgenössische künstlerischeDarstellungen des Rundfunkteilnehmers, vor allem den Radionistenvon Kurt Günther aus dem Jahre 1927, betrachtet, dann fällt einemsofort die Analogie zwischen Hörsituation und Experimentalsitua-tion auf. Auch der Radionist ist an den Apparat angeschlossen.
Sachlichkeit und Traum
Kehren wir an dieser Stelle zurück zu den Konjunkturen des Den-kens.„ Konjunktur“, unser Schlüsselwort, hat eine Doppelbedeutung.Zum einen verstehen wir darunter, wie gesehen, einen Begriff zurBeschreibung bzw. Bestimmung einer Wirtschaftslage, das, was wirals Börsenmodell der Wissenschaften bezeichnet haben: en hausse,en baisse, Aufstieg und Fall der Werte, wie sie im Feld der Wissen-schaften in Zitationsdatenbanken( sic!) wie dem Arts& HumanitiesCitation Index( wo u.a. die Zeitschrift für Volkskunde aufgeführt ist)und Rankings zum Ausdruck kommen. Das allgegenwärtige Medium„ Ranking"( inzwischen gibt es bereits Deutschlands schnellste Ranking-show auf RTL) stellt Personen und Institutionen der WissenschaftSeite an Seite mit Rankings wie Die besten zehn tierischen Geschichtendes Jahres, gelistet vom Wissenschaftsmagazin Nature, das wiederumlaut Journal Citation Reports die weltweit am meisten zitierte inter-disziplinäre Fachzeitschrift mit dem höchsten sogenannten Impact-
18 Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm. Berlin 1931.