Aufsatz in einer Zeitschrift 
Konjunkturen des Denkens. : kulturanalytische Überlegungen zur Wissenschaftsforschung
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Rolf Lindner, Konjunkturen des Denkens

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terkurve ähnlich, hielt daneben die Auflösung der Scharade in Gestalt derErklärung jeder Ziffer durch eine psychische Kategorie[...] Was aber fandich? Ein Bildnis meines inneren Wesens, fast gleich dem Bildnis, das ichim Herzen trug. Hier lag, in einer ziffernreichen Kurve, die Linie meinesCharakters vor mir da. Ich las, wie Phantasie und Logik, wie konstruktivesDenken, Farben- und Ortssinn, Mathematik und Technik sich in meinemInnern normal, unter- oder übernormal vertreten finden, ich las, inwieweitder Wille, die Entschlusskraft, inwieweit Mystik, Neurasthenie, Eitelkeit,Geiz, Sparsamkeit, Selbstsucht, Sexualität, Jähzorn, Fleiß, Ordnungs-liebe, Streben, das Tempo des Denkens und des Handelns in mir stark oderschwach sind. Ich las auch, von welcher Art mein Stil ist, in welchen For-men des Schreibens ich begabt, in welchen unbegabt bin, von welcher Artvon Musik ich ergriffen werde, ob ich zum Diplomaten, Pädagogen geeignetoder ungeeignet sei, für welche Dinge ich Gedächtnis, für welche ich keinesbesitze. Ja, der geheimnisvolle Wechsel zwischen Melancholie und Heiter-keit, der die Farbe mancher Charaktere geradezu entscheidet, stand hier,von einem Apparate richtig aufgezeichnet.( Meine Hervorhebung, R. L.)

Es ist schon erstaunlich zu sehen, wie fasziniert Ludwig vonder Durchleuchtung des eigenen Charakters bis ins intimste Detail,bis zum geheimnisvollen Wechsel zwischen Melancholie und Hei-terkeit ist. Der Medizinhistoriker Cornelius Borck 14 hat in der Tech-nologie der Diagnoskopie eine gewissermaßen elektrifizierte Versionvon Franz Joseph Galls Schädellehre gesehen. Ähnlich wie Gall ver-meinte, aus Erhebungen und Vertiefungen am Schädel menschlicheEigenschaften, Neigungen und Fähigkeiten erschließen zu können( was, nebenbei gesagt, um 1800 dazu führte, dass es in Wien zu einembeliebten Gesellschaftsspiel wurde, sich gegenseitig die Schädel nachHöckern abzutasten), so glaubte man mittels der von Zacher Bisskyentwickelten Diagnoskopie anhand der Stärke der elektrischen Sig-nale an den rund fünfzig Reflexzonen auf die spezifischen Charak-terzüge des Probanden schließen zu können: Wille, Entschlusskraft,Eitelkeit, Geiz, Sparsamkeit, Selbstsucht, Sexualität, Jähzorn, Fleiß,Ordnungsliebe und vieles mehr, und dies alles in einem Bruchteil der

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Vgl. Cornelius Borck: Electricity as a Medium of Psychic Life.Electrotechnological Adventures into Psychodiagnosis in WeimarGermany. In: Science in Context 14( 4), 2001, S. 565-590.