Aufsatz in einer Zeitschrift 
Konjunkturen des Denkens. : kulturanalytische Überlegungen zur Wissenschaftsforschung
Einzelbild herunterladen
 
  

Rolf Lindner, Konjunkturen des Denkens

319

Um der Imprägnierung wissenschaftlicher Denkstile undVerfahrensweisen durch Raum und Zeit auf die Spur zu kommen,gilt es zuweilen, unkonventionelle Fragen zu stellen: Warum legteman sich beispielsweise in Wien zwecks Erkundung des Seelenlebensauf die Couch, während man sich in Berlin an Elektroden anschließenließ? Um Missverständnisse zu vermeiden, sei in Parenthese hin-zugefügt, dass sich die Psychoanalyse auch in Berlin durchsetzte.10Nichtsdestoweniger scheint mir die Idee, Menschen an Elektrodenanzuschließen, um ihr Seelenleben zu erkunden, repräsentativ fürdie Berliner, sie auf die Couch zu legen repräsentativ für die WienerGeisteslandschaft zu sein. Auf Fragen dieser Art war ich im Zugemeiner jüngsten Berlin- Studie gekommen." Mit Erstaunen mussteich bei meiner Recherche feststellen, dass Mitte der 1920er Jahre inBerlin die Vorstellung aufkam, dass man die Seele mittels Elektrizi-tät durchleuchten könne, gewissermaßen ein X- Ray- Apparat für diePsyche. Die Möglichkeit einer Elektrodiagnose seelischer Eigenschaften,so der Titel einer Abhandlung des Psychotechnikers Robert WernerSchulte, 12 faszinierte das zeitgenössische Berliner Publikum, das überdie Diagnoskopie, wie die neue Methode bezeichnet wurde, in diver-sen Presseberichten informiert wurde, eine Sensationsmeldung, wiegesagt wurde. 1926 veröffentlichte der seinerzeit berühmte AutorEmil Ludwig in der Berliner Illustrirten Zeitung vom 7. März 1926

10 ,, Sie müssen in Berlin hart zu kämpfen haben, schrieb Ernest Jones anKarl Abraham, den Kopf der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung.Im Juli 1912 konnte Abraham Freud aber schriftlich mitteilen, dass es,, selbst in Berlin kein Martyrium mehr( ist), ihr Anhänger zu sein. PeterGay: Freud. Eine Biographie für unsere Zeit. Frankfurt 1989, S. 208.Was immerhin bedeutet, dass die Anhängerschaft einmal ein Martyriumwar. Eli Zaretzky führt die Faszination, die die Psychoanalyse einstausübte, letztlich auf die globale Entwurzelung zurück, die durchMassenkonsum, Kapitalismus und durch das Entstehen neuer Medienwie Werbung und Film ausgelöst wurde. Eli Zaretzky: Freud im 21.Jahrhundert. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde, NS BandLXI, 2-3, 2007, S. 157-173, hier: S. 157. Dies mag die Schwierigkeiten beider Durchsetzung der Psychoanalyse in Berlin erklären. Berliner warendafür bekannt, alle fads and fashions baldmöglichst aufzugreifen. Vgl. RolfLindner: Berlin, absolute Stadt. Eine kleine Anthropologie der großenStadt, Berlin 2016.

11

12

Vgl. Lindner, ebd., S. 123, Anm. 55.

Robert Werner Schulte: Über Elektrodiagnose seelischer Eigenschaften.In: Psychologie und Medizin 1, 1925, S. 62-94.