Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde122 (2019) / N.S. 73Fendl, Elisabeth: Der „Egerer Ofen“ von Willy Russ. Volkskunst und Politik

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Der „Egerer Ofen“ von Willy Russ. Volkskunst und Politik
Einzelbild herunterladen
 

Elisabeth Fendl, Der Egerer Ofen" von Willy Russ

289

berichtet sofort an die Arbeit.41( Abb. 3) Mithilfe eines Wappenbu-ches und nach Anfragen an einzelne Gemeinden entwarf er die überfünfzig Städtewappen, die einen den Ofenkorpus rahmenden Friesschmücken sollten. Dabei kamen ihm frühere Aufträge zu Gute, hatteer doch zum Beispiel für die Spitzenschule seines Heimatortes Schön-feld eine Decke mit Stadtwappen entworfen. Der Ofen wird einaufseheneregendes[ sic] Prachtstück, und da wäre es Schade[ sic] wennsich irgendwelche Fehler ergeben würden, schrieb Russ am 8. Okto-ber 1941 an Hanika und bat um einen Besuch, um Details zu bespre-chen.43 Immer wieder suchte er den Rat im Volkskundemuseum.Noch am 31. Januar 1944 berichtet Hanikas Assistentin Klara Gindely,bei den Trachtenfiguren sei Herrn Russ noch einiges unklar[...] u.zw. die Farben der Haider Frauen- und Männertracht, der Bischoftei-nitzer Frauentracht und vom Chotieschauer Männermantel die Fut-terfarbe. Sie versorgte ihn mit Notizen zu Hanikas Trachtenbuchund aus Josef Hofmanns Deutsche[ n] Volkstrachten und Volksbräuche[ n]in West- und Südböhmen und verwies ihn auf das Museum in Karls-bad, wo er sich farbige Trachtenabbildungen ansehen könnte.45

Im März 1944 war der Ofen schließlich endgültig fertigge-stellt. Willy Russ erkundigte sich, ob ein trockener bombensicherer

41

42

43

Schreiben Willy Russ' an Josef Hanika, Schönfeld, 8.10.1941, SOKACheb, Fond 35, Karton 496-13.

Für die 1906 gegründete Staatliche Spitzenschule in seiner GeburtsstadtSchönfeld hatte Russ eine Decke mit dem Titel Das Lied aus dem Eger-land" entworfen, auf der anscheinend auch Wappen abgebildet gewesensind. Vgl. dazu: Josef Brandl: Schönfeld. Ehemalige königlich freie Berg-stadt im Egerland. Stockstadt a. M. 1983, S. 224. Die Praxis, Künstlerzu beauftragen, Motive von repräsentativen Spitzendecken zu entwerfen,war in den 1920er/ 1930er Jahren sehr verbreitet. Man wollte so dieQualität und damit auch den materiellen Wert der Erzeugnisse der heimi-schen Spitzenindustrie optimieren. Vgl. dazu auch Anneliese Wienands:Die Nadelspitze. In: Lore Heil( Hg.): Klöppel- und Nadelspitzen ausdem Egerland und dem Erzgebirge. Katalog zur Sonderausstellung vom4.8.- 15.11.1990(= Schriftenreihe des Egerland- Museums Marktredwitz,1). Marktredwitz 1990, S. 43-55, hier S. 51.

Schreiben Willy Russ' an Josef Hanika, Schönfeld, 8.10.1941, SOKACheb, Národopisné muzeum Cheb, Karton 496-13.

44 Josef Hofmann: Deutsche Volkstrachten und Volksbräuche in West- undSüdböhmen. Karlsbad 1932.

45

Schreiben Klara Gindelys an Josef Hanika, Eger, 31.1.1940, SOKA Cheb,Fond 496.