Aufsatz in einer Zeitschrift 
Einer gegen alle! : zur Visualisierung des deutschen Michels auf Bildpostkarten der späten Habsburgermonarchie
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ÖZV, LXXIII/ 122, 2019, Heft 1

Noch ein Gesichtspunkt darf bei der Gesamtbewertung nichtaußer Acht gelassen werden: Auch wenn hier in erster Linie die spezi-fisch österreichischen Kontexte und Aufgabenbereiche des deutschenMichels vor 1914 herausgestellt wurden, bleibt festzuhalten, dassdiese kollektive Symbolfigur bis Ende des Ersten Weltkrieges stetszwischen monarchie- und gesamtdeutschen VertretungsansprüchenOszillierte. Dafür spricht nicht zuletzt auch die häufige Verwendungdes, deutschen Dreifarb" sowie der Eichenlaub- und Kornblumen-symbolik bei der Visualisierung von Michelfiguren. Das bedeutetaber auch, dass sich der österreichische Michel bis zu diesem Zeit-punkt niemals vollständig von seinem reichsdeutschen Gevatteremanzipieren konnte oder wollte, sodass gerade diese ambivalenteHaltung eines seiner hervorstechenden Merkmale bleiben sollte.Diese auffällige Unentschiedenheit darf freilich nicht als bloße ideo-logische Schwäche und Unschärfe missverstanden werden, sondernmachte gerade in der Auseinandersetzung mit den nichtdeutschenNationalitäten durchaus Sinn: Mithilfe einer implizit oder explizitunterstellten Rückendeckung des österreichischen Michels durch sei-nen reichsdeutschen Gevatter ließ sich das symbolpolitische Poten-tial der Deutschen im Rahmen der Habsburgermonarchie vermehrenund optisch zum Ausdruck bringen. In der Propaganda des ErstenWeltkriegs verschmolzen dann die beiden Michels wie schon imVormärz nochmals zu einer einzigen Kollektivfigur, die sich gegeneine Welt äußerer Feinde zur Wehr setzte und siegesgewiss nachallen Seiten Hiebe austeilte.

In Deutschland überdauerte die Popularität des deutschenMichels als Sinnbild aller Deutschen sogar das Ende beider Welt-kriege. 22 Auch wenn er sich nach dem Zweiten Weltkrieg für geraumeZeit in einen Michel- West und einen Michel- Ost aufteilte, beschriebdiese Kunstfigur weiterhin in vielen Karikaturen das Selbst- undFremdbild der Deutschen einschließlich der nach wie vor vorhande-nen apolitischen Charakterzüge des Ohne- Michels".23

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Vgl. Ernst Bruckmüller: Nation Österreich. Kulturelles Bewußtsein undgesellschaftliche Prozesse. Wien 1996, S. 294-301.

Hierzu und zum Folgenden Grote( wie Anm. 1), S. 69 f.; Otto Mai:Vom Wachsen lassen zum Führen. Die Ansichtskarte als Zeuge einerversäumten Erziehung zur Demokratie in der Weimarer Republik.Hildesheim 2003, S. 108, 234, 410-416; Szarota( wie Anm. 1), S. 213–318.