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ÖZV, LXXIII/ 122, 2019, Heft 1
Eltern zeigt sich in der Verschiebung des Fokus der Erziehungsrat-geber, die zuerst das Verhalten der Kinder in den Blick nahmen, sichnun aber zunehmend dem der Eltern widmen.40 Parallel zur Erzie-hungsbedürftigkeit der Kinder werden die Eltern als ratbedürftigkonstituiert und damit gleichermaßen pädagogisiert." Die Ratschlägeder ExpertInnen beanspruchen nicht nur, der kindlichen Entwick-lung zuträglich zu sein, sondern auch einen therapeutischen Wert fürdie Eltern zu haben. Eltern durchleben demnach eine schwierige undpotenziell belastende Phase, bei der sie sowohl für die Förderung deroptimalen Entwicklung ihres Kindes als auch für ihr eigenes Wohlbe-finden professioneller Unterstützung bedürfen. Durch diese Art derBeratung wird gleichzeitig das Bedürfnis nach Beratung geschaffen.42
Der Anspruch der expertInnengeleiteten Elternschaft ist aller-dings nicht leicht zu erfüllen. Das 21. Jahrhundert ist von der Pluralitätder Ratgeberlandschaft und deren widersprüchlichen, divergierendenHandlungsanleitungen gekennzeichnet. Im Unterschied zu den voran-gegangenen Tendenzen der Medikalisierung und Entmedikalisierungkann hier von einer reflexiven Medikalisierung gesprochen werden.43Unterschiedlichstes Fach-, ExpertInnen- und Alltagswissen ist vor-handen und zugänglich, aber es obliegt den Eltern, eine informierteEntscheidung zum Wohl ihres Kindes zu treffen was durchaus zuVerunsicherung führen kann. Den Anforderungen des Neoliberalis-mus entsprechend, agieren die Eltern als reflektierte und informierteAkteurInnen und KonsumentInnen und tragen die Verantwortungfür ihre Entscheidungen. Durch die Wahl bestimmter Methoden undExpertInnen ordnen sie sich bestimmten Erziehungsstilen zu und ver-pflichten sich damit den im jeweiligen Diskurs herrschenden Logiken
40 Vgl. Seehaus( wie Anm. 37), S. 24.
41 Vgl. Markus Höffer- Mehlmer: Erziehungsdiskurse in Elternratgebern.In: Winfried Marotzki, Lothar Wigger( Hg.): Erziehungsdiskurse.Bad Heilbrunn 2008, S. 135-154, hier S. 138.
42 Vgl. Lee( wie Anm. 18), S. 70.
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Siehe dazu Michi Knecht, Sabine Hess: Reflexive Medikalisierungim Feld moderner Reproduktionstechnologien. Zum aktiven Einsatzvon Wissensressourcen in gendertheoretischer Perspektive. In: NikolaLangreiter, Elisabeth Timm, Michaela Haibl u. a.( Hg.): Wissen undGeschlecht. Beiträge der 11. Arbeitstagung der Kommission für Frauen-und Geschlechterforschung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde,Wien, Februar 2007. Wien 2008, S. 169-194, hier S. 172.