Jahrgang 
124 (2021) / N.S. 75
Seite
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Chronik der Volkskunde

Bericht zum Workshop ,, How to Apply Anthropology? Challengesfor an Academic Discipline", Online- Workshop via ZOOM,Institut für Kulturanalyse, Alpen- Adria- Universität Klagenfurt,4. und 5. März 2021

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Die Kulturanthropologie/ Europäische Ethnologie/ etc. schreibt sichgerne einen expliziten Alltags- und Praxisbezug auf die Fahnen, derdas Fach von anderen Disziplinen unterscheide, die sich wahlweiseaus einer Vogelperspektive oder gleich unter Außerachtlassung derempirischen Ebene rein theoretisch mit gesellschaftlichen und kultu-rellen Fragestellungen beschäftigen.

Gerade ein Fach, das sich der Alltagskultur und der Erfor-schung von Machtfaktoren und ihrer Auswirkungen auf die Mikro-ebene verschrieben hat, sollte nicht davor zurückschrecken, Studie-rende auch dafür auszubilden, dieses Wissen kritisch in die Praxiszurückzutragen, rückzuübersetzen, und dort fruchtbar zu machen.Trotz dieser Selbstbeschreibung als ein der Praxis per se zugewand-tes Fach hadern auch die Kulturanthropologie und verwandte Fächermit dem, was landläufig als Angewandtheit bezeichnet wird, unddies bei weitem nicht nur im deutschsprachigen Raum. Hinter derskeptischen Grundhaltung steht der Verdacht, dass der Schritt in diePraxis notwendigerweise zu einer Reduktion von Komplexität undzu einer Verflachung universitären Wissens führe, die zum einen inden Anforderungen der nicht- kulturanthropologischen Praxis undzum anderen häufig in einer mangelnden analytischen Distanz von-seiten der Forschenden begründet liege. Entsprechend trennen sichhäufig die Wege von akademischer Forschung und praxisorientierterAnwendung, sobald Absolvent* innen die Universitäten verlassen undin die nichtuniversitäre Arbeitswelt eintreten. Anstatt die Verbindungstrukturiert aufrechtzuhalten und auf diese Weise Synergien zu nut-zen, stehen beide Seiten vielmehr häufig mit dem Rücken zueinander.

Das Institut für Kulturanalyse der Alpen- Adria- UniversitätKlagenfurt ist auf besondere Weise mit dieser Thematik konfrontiert,da sich Studierende hier im BA und MA Angewandte Kulturwis-senschaft" inskribieren- und entsprechend ist diese Angewandtheitstets aufs Neue mit einem Fragezeichen versehen, das zugleich auch dieGrundlage für fruchtbare Diskussionen legt. Vor diesem Hintergrund,