Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde124 (2021) / N.S. 75Wietschorke, Jens: Kirchenraum und Konfession in Zeiten der Pandemie

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Kirchenraum und Konfession in Zeiten der Pandemie : Forschungsfragen zur Digital Religion
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ÖZV, LXXV/ 124, 2021, Heft 2

der Viola da Gamba und der Tenor Gernot Heinrich als Triodie Feier musikalisch." 34

Das Beispiel macht deutlich, dass die Digital Religion hervorragendeMöglichkeiten der konfessionellen Inszenierung bietet. Die protes-tantischen Kirchen scheinen hier aber einen spezifischen Wettbe-werbsvorteil zu haben. Denn der reduzierte Charakter des virtuellenGottesdienstes verband sich hier mit dem reduzierten Charakter derevangelischen Verkündigung. In seiner Predigt verknüpfte BischofMichael Chalupka zudem die Situation des Gottesdienstes in Pande-mie- Zeiten gekonnt mit der historischen Situation des Protestantis-mus in Österreich: Und wieder erinnert uns der Karfreitag an unsereGeschichte. Wir kennen das aus der Geschichte, dass wir nicht inKirchengebäuden öffentlich Gottesdienst feiern können. In der Zeitder Gegenreformation, des Geheimprotestantismus vom 16. Jahrhun-dert bis 1781 waren öffentliche Gottesdienste verboten, rund 180 Jahrelang, sieben Generationen. Gottesdienste wurden trotzdem gefeiert.Zu Hause." 35

Die Häuslichkeit des Gottesdienst- Erlebnisses in Pandemie-Zeiten wird auf diese Weise geschickt als konfessionelle Tradition inStellung gebracht. Das wiederum provoziert die Frage, ob der katholi-sche Gottesdienst, die Messfeier mit ihren Ideen vom geheiligen( Kir-chen-) Raum und der Realpräsenz Christi in der Feier der Eucharistie,in vergleichbarer Weise in den virtuellen Raum übertragbar ist. Dieauffallende Zurückhaltung der katholischen Kirche in allen Debattenum Digital Religion spricht hier eine recht deutliche Sprache. So legtdie Covid- 19- Pandemie einmal mehr offen, dass der Katholizismuswohl doch in anderer Weise vom Rekurs auf die Materialität undSinnlichkeit des Religiösen lebt als der Protestantismus. Möglicher-weise müssen für die unterschiedliche Resonanz dieser beiden Kon-fessionen auf aktuelle Digitalisierungsprozesse auch weitere Gründein Betracht gezogen werden- etwa Unterschiede in den Strukturender Gemeindeöffentlichkeit und der gemeindlichen Partizipation. Aufdas Kirchengebäude aber scheinen jedenfalls vorübergehend die Pro-testant* innen leichter verzichten zu können als die Katholik* innen.

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Ebd., S. 38.Ebd., S. 46.