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ÖZV, LXXV/ 124, 2021, Heft 2
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„ Irgendwo an der Waterkant( in der Nähe von Emden) liegteine Gemeinde unter andern ihresgleichen-, die aus alterGewohnheit eine Kirche, aber keinen Pfarrer besitzt. Kürz-lich nun kamen diese modernen Christen auf den beachtens-werten Einfall( und führten diesen auch aus): ihren Kirch-turm mit einer Antenne zu schmücken und auf der Kanzeleinen Lautsprecher festzuschrauben. Seitdem braucht dieGemeinde den Seelenhirten des Nachbardorfes weder zu sichzu bitten noch zu bezahlen- es sei denn, daß er Urheber-rechte geltend macht – noch zu befahren, daß der Herr Pas-tor wütend mit der Faust auf die Kanzel des Hauses schlägt,wodurch der Schlaf des Gerechten nur allzu leicht gefährdetwird[...]."
Der historisch- dokumentarische Wert dieses Textes darf sicherbezweifelt werden. Dennoch ist die Anekdote sprechend, erst recht,wenn Kästner noch eine kleine, satirisch gemeinte Zukunftsvisionhinzufügt:
dank der flotten Nordsee-
„ Der gläubigen Phantasie sindGemeinde nicht länger Schranken gezogen: zu Weihnach-ten und ähnlichen Festivitäten macht gewiß schönsten Effektvor dem Altar eine Filmleinwand, auf der im Bild sichtbarwürde, was der Lautsprecher aus den Evangelien weihevolldahertrichtert. Und: Kommt der Herr Pastor nicht mehr zurKirche, so dürfen die Bauern gleicherweise ihren vergängli-chen Leib zuhaus lassen. Sie legen sich ebenfalls[ vors] Radiound pflegen der Andacht im warmen Familienbett oder amStammtisch im Blonden Löwen. Die Kirche würde dann ambesten pfundweis auf Abbruch verkauft oder an den durch-reisenden Wanderzirkus mit Nutzen verpachtet." 7
Gerade aus einer Forschungsperspektive, die den materiellen Kir-chenraum in den Fokus rückt, ist dieses Fundstück aus dem Jahr 1926interessant, und zwar im Hinblick auf beide seiner argumentativen
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Erich Kästner: Kirche und Radio. In: Erich Kästner: Splitter und Balken.Publizistik. Hg. von Hand Sarkowicz und Franz Josef Görtz in Zusam-
menarbeit mit Anja Johann. München 1998, S. 37-38, hier S. 38.