Aufsatz in einer Zeitschrift 
Metadinge : Werke der Gegenwartskunst im Volkskundemuseum Wien
Einzelbild herunterladen
 

Gudrun Ratzinger, Metadinge

317

Mal gleichsam transparent, um für etwas anderes zu stehen. Kurz:Zwischen den Dingen passiert viel, und auch wir befinden uns mittenunter ihnen, sind in einem dichten Geflecht mit ihnen verwoben.

Kunstwerke, die alltägliche Gegenstände integrieren, unter-streichen den Umstand, dass uns Alltagsgegenstände nie nur in ihrerStofflichkeit, sondern als Gemenge materieller wie immateriellerAspekte begegnen. Es bietet sich daher an, Kunstwerke beim Nach-denken über das, was Dinge tun, und das, was wir mit Dingen tun,heranzuziehen. Die in der Ausstellung Zwischen den Dingen gezeigtenWerke fungieren gleichsam als Metadinge als Dinge zweiter Ord-nung, die Dinge erster Ordnung integrieren und erlauben, die Dingeerster Ordnung anders zu sehen.

Seit mehr als einhundert Jahren finden sich industriell herge-stellte Gegenstände als Kunstwerke in privaten und musealen Samm-lungen, an Galeriewänden oder abgebildet in Kunstmagazinen seies ein auf der Straße gefundener Eisenring, sei es eine Beißzangevor einem Waschbrett als Relief, sei es ein auf den Kopf gestelltesund signiertes Urinal. Und seither üben Alltagsgegenstände inner-halb der Kunst ganz unterschiedliche Funktionen aus: Sie dienen derBefragung dessen, was die Grenzen von Kunst ausmacht, liegen imVersuch, Kunst und Leben zu vereinen, oder verweisen als Stellvertre-ter auf Abwesendes, um nur einige der möglichen Funktionen zu nen-nen. War das Einbeziehen gefundener Objekte zunächst eine ästheti-sche Strategie, die punktuell in avantgardistischen Zusammenhängenangewandt wurde, ist dies heute weit verbreitet. Für den Kunsthis-toriker David Joselit gehören Readymades neben der Aussage unddem Dokument zu jenen Bausteine[ n] aus der Konzeptkunst, diedie Basis zeitgenössischer Kunstpraxis bilden. Dort fungieren sieals Lexika oder gar Paletten- kompositorischer Elemente, diebereits von Bedeutung durchtränkt und von den ästhetischen undtechnischen Verfahren des kommerziellen Designs durchflutet sind.15

14

15

Vgl. beispielsweise die Werke Enduring Ornament( 1913) von Elsa vonFreytag- Loringhoven, Relief mit Zange( 1914/1915) von Iwan Puni oderMarcel Duchamps Fountain( 1917).

David Joselit: Über Aggregatoren. In: Eva Kernbauer( Hg.): Kunst-geschichtlichkeit. Historizität und Anachronie in der Gegenwartskunst.Wien 2015, S. 115-127, hier S. 119–121. Auch die Form des Dokuments,das der Sicherung von Ereignissen oder Erfahrungen dient, ist aus