Gudrun Ratzinger
Metadinge- Werke derGegenwartskunst imVolkskundemuseum Wien
Die Erforschung der greifbaren Dinge im Rückspiegel
Im ersten, 1896 erschienenen Band der Österreichischen Zeitschriftfür Volkskunde formulierte Michael Haberlandt die Zielsetzung vonZeitschrift und Verein als„ vergleichende Erforschung und Darstel-lung des Volksthums der Bewohner Österreichs“. Es gehe nicht umNationalitäten, sondern„ um ihre volksthümliche, urwüchsige Grund-lage". Das„ eigentliche Volk" wolle der Verein mittels Zeitschrift undMuseum, in seinen Naturformen erkennen, erklären und darstellen"."Im Anschluss an das Editorial Haberlandts definierte der Kunsthistori-ker Alois Riegl„ Volk“ als diejenigen,„ deren ganze Lebenshaltung aufder bloßen Tradition, auf der lebendigen und in den wesentlichstenDingen ungebrochenen und[ durch formale Bildung, Anm. der Verf.]ungetrübten Familienüberlieferung beruht“. Riegl setzte dieses„ Volk“von den„ Trägern moderner städtischer Cultur“ ab, wobei er über-zeugt war, dass letztere eine höhere Kulturstufe erreicht hätten. DasInteresse an der Kultur des„ Landvolkes“ verglich der Kunsthistorikermit sorgsam gehüteten Erinnerungen: An sich wertlose Gegenständewürden ihre„, Bedeutung als Andenken aus der längstentschwundenenJugendzeit" gewinnen. Dies gelte auch, so Riegl, für ganze Völker.Gerade die Gebildeten und die Städter würden sich„ nach der geisti-gen Anschauung eines goldenen Zeitalters[ sehnen], das sie genau sowie schon die Dichter des Alterthums, und mit vollem Rechte, in denkindlichen Entwicklungsstadien ihres Volkes vermuthen“.²
1 Michael Haberlandt: Zum Beginn! In: Zeitschrift für österreichischeVolkskunde 1, 1896, S. 1.
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Alois Riegl: Das Volksmäßige und die Gegenwart. In: Zeitschrift fürösterreichische Volkskunde 1, 1896, S. 4-6.