Aufsatz in einer Zeitschrift 
„Sie sagt zu mir du weist sehr viel“ : zum kommunikativen Charakter lebensgeschichtlicher Selbstzeugnisse
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ÖZV, LXXV/ 124, 2021, Heft 2

Viele Jahre saß ich unter diesem Baum. Wir bekamen ihn vonden Großeltern aus ihrem Schrebergarten.[...]

Der Holunderbaum stand rückwärts gleich nach dem Hüh-nerauslauf. Es war ein ruhiger Platz u. auch die Hühner lieb-ten den Schatten des Baumes, wenn sie in der Mittagshitzeunter den schattenwerfenden Ästen ihre Siesta hielten u. ganzstill dahindösten. Nur ab und zu hörte man ein leises Kr, kr,kr von ihnen. Ich höre es heute noch, es war alles so friedlichund schön." 63

Die Diaristin hat mit ihren Eltern in verschiedenen, meist sehr klei-nen und ärmlichen Wohnungen in Wien gelebt. Diese Szene trug sichvermutlich in einer Unterkunft in einem Neubau zu, der Anfang der1930er Jahre im Zuge der Wiener Siedlerbewegung in randständigerLage( Leopoldau) errichtet worden ist. Die Beschreibung des Baumesmit den Hühnern wirkt sehr ländlich. Offenbar ist hier die Atmo-sphäre der Waltons eingeflossen und hat den Schwerpunkt stärker aufdie ländlich- ruhigen Aspekte der Erinnerung verlagert.

Wenngleich wohl nicht von literarischen und philosophi-schen Werken beeinflusst wie eine Ruthilt Hanzel, zeigt Wenigerschließlich auch eine gewisse Entwicklung: Zum Ende ihres Tage-buchs weicht sie zunehmend von der vorher typischen Form ab, inder das jeweilige Datum und spontane Erinnerungen zu assoziativenSprüngen führte. Stattdessen schreibt sie nun kurze Essays, die miteinem Titel versehen sind und vom jeweiligen Gegenstand ausgehen- sodass ihre Erinnerungen stärker strukturiert werden. Sie behandeltThemen wie Über Witze, Die Gemütlichkeit, Das Steckenpferdoder Über Peter Alexander".64

Während Hanzel, durch literarische, philosophische und psy-chologische Werke beeinflusst, auf verschiedenen Zeitebenen zugleichoperiert also quasi mit ihrem früheren und der Vorstellung eineszukünftigen Lese- Ichs 65 kommuniziert-, richtet sich diese Art derSelbstreflexion bei der stärker von der Populärkultur beeinflusstenWeniger in die Vergangenheit, indem sie ihre Lebensgeschichte in

63

Ebd., S. 138.

64 Vgl. Weniger( wie Anm. 55), Nachtragsheft, Eintrag vom 23.3.1995.

65

Ebd., S. 31.