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ÖZV, LXXV/ 124, 2021, Heft 2
Retrospektiv: Ein Alterstagebuch
Eine zurückblickende Kommunikationsstrategie wendet eine eben-falls aus Wien stammende Diaristin an, die 1922 geborene HildegardWeniger, Tochter eines Posamentiergesellen und einer Weißnäherin,die nach dem Besuch der Volksschule eine Fahrdienstleiterprüfungabsolvierte, aber nach der Heirat eines Bahnbediensteten und derGeburt von zwei Kindern hauptsächlich im Haushalt tätig gewesenist( Selbstauskunft zu Beginn des Dokuments). Sie hat ihr TagebuchMitte der 1980er Jahre begonnen und rund zehn Jahre lang geführt,auf etwa 550 Seiten( ergänzt durch ein Nachtragsheft ohne Seiten-zählung). Hier dominiert zunächst die reflexive Figur des Rückblicks,die noch keinen Außenbezug herstellt.
Ein wiederkehrendes Muster besteht darin, dass Wenigerdie Eintönigkeit ihrer Gegenwart beklagt und daher immer wieder inErinnerungen an ihre Kindheit und Jugend schwelgt. Es entsteht derEindruck, dass sie den Kontrast zwischen der tristen Gegenwart undder glücklichen Vergangenheit gezielt forciert: Über die Vergangenheitschreibt sie lebendiger, farbiger und mit konzentrierterer Gestaltungs-kraft, während sich ihre Gegenwartsbeschreibungen oft in gegenständ-lichen und kleinteiligen Darstellungen verlieren- bis hin zur häufigwiederkehrenden Auflistung der Lottozahlen( ohne Gewinn). Auchsonst fertigt sie gerne Listen an, etwa von Preisen in Gasthäusern odervon Anglizismen, die sie strikt ablehnt und als eine„ große Schande" 55ansieht. Die Darstellungen sind insgesamt sehr sprunghaft, assoziativund nicht immer in ihrem Kontext verständlich.
Die( zumindest in den ersten Jahren) jeweils datierten Ein-tragungen fangen zumeist entweder mit einer aktuellen Alltagsbege-benheit an, oder sie beginnen mit der Betonung des Datums, wennes einen Jahrestag markiert, der der Diaristin präsent ist. Beides führtdann schnell zur Darstellung von Erinnerungen, die meist in Schwer-mut enden. So heißt es etwa im Eintrag vom 8. November 1988:
55 Hildegard Weniger: Tagebuch. Material aus der Dokumentation lebens-geschichtlicher Aufzeichnungen am Institut für Wirtschafts- und Sozial-geschichte der Universität Wien( künftig DoLA), S. 194[ Paginierungdurch DoLA].