Malte Völk ,,, Sie sagt zu mir du weist sehr viel❝
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Verlobten weiter oder lasen jenen daraus vor“.40 Li Gerhalter hat dasTagebuch von Ruthilt Hanzel in diesen Zusammenhang eingeordnet:Hier finden sich etwa nachträglich beigefügte Schreibmaschinenseitenmit Abschriften früherer Episoden, die offenbar für ihren Verlobtenbestimmt waren. Ich möchte dieses Tagebuch genauer betrachten, weiles in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Dokument darstellt, wel-ches mit seinem experimentellen Charakter die Ausdrucksmöglichkei-ten der Gattung Tagebuch durchmisst.
Besonders auffällig sind die verschiedenen Bearbeitungs- undReflexionsebenen des Tagebuchkonvoluts, das aus unterschiedlichenHeften ohne Datumsvordruck sowie aus Kalendern besteht- zudemfinden sich lose eingelegte und teils angeheftete Blätter wie die bereitserwähnte Beigabe. Möglicherweise aus dem Anlass der Verlobungs-weitergabe hat Hanzel auch nachträglich handschriftliche Bemerkun-gen an Rändern der ursprünglichen Schrift hinzugefügt, die Zeit- undOrtsangaben präzisieren oder anderweitige Kontextualisierungen lie-fern. Derartige Kurzbemerkungen, in der gleichen auffälligen pinkenFarbe, finden sich indes auch in viel später angelegten Kalendern“von Hanzel( später verh. Lemche), die seit 1933 in Dänemark lebte.Offenbar hat die Diaristin also zu verschiedenen Zeiten ihre Aufzeich-nungen neu gesichtet und kommentiert.
Bereits 1926 hat Hanzel ihre zwei Jahre alten Einträge einerstrengen Prüfung unterzogen und für unreif befunden. Dieses Musterwiederholt sich, sodass sich immer wieder Formulierungen finden wie:„ Heute – 2-4-29— kann ich, was ich damals nur halb begriff, deuten“.42Solche Überlegungen initiieren dann teils weit ausgreifende Refle-xionen. Dass den jeweils älteren Texten also stets die Revision„ eineszukünftigen Lese- Ichs" 43 dräut, wird hier explizit ausbuchstabiert:
„ 26-8-28
, Erkenne dich selbst'.
Wozu schreibt man tagebücher? Ich glaube, weil man denaugenblick dauernd machen will. Man weiss genau,dass man
40
Ebd., S. 438.
41
Ruthilt Hanzel: Material aus der Sammlung Frauennachlässe am Institut
für Geschichte der Universität Wien, Nachlass 2 II.
42
Ebd., Nachlass 2 I.
43
Holm( wie Anm. 5), S. 31.