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ÖZV, LXXV/ 124, 2021, Heft 2
weist Dusini als„ unerträglich“ und„ töricht“ 30 zurückim Gegen-teil würden sich Tagebücher gerade durch ungewöhnlich komplexeStrukturen auszeichnen.
Für eine kulturwissenschaftliche Perspektive³¹ scheint es mirhilfreich, die von Dusini angeregten Differenzierungen zwar aufzu-nehmen, aber doch auch zu einem heuristischen Gattungsverständ-nis zu finden, in dem graduelle Abstufungen vorgenommen werden.So könnte man Tagebücher vielleicht in dem Sinne als tendenziellprivat und temporär monologisch verstehen, dass sie nicht unmit-telbar die Lektüre durch Fremde zu gewärtigen haben, wie es etwabei einem verschickten Brief oder einem zur Publikation bestimmtenText der Fall wäre. Bei einer solchen Unterscheidung von Privatheitund( potenzieller) Öffentlichkeit sind freilich grundsätzlich auch die„ geschlechterspezifisch differierenden Zugänge“ zu diesen Sphärenzu berücksichtigen. In diesem Sinne ließe sich auch die zurückge-wiesene Annahme der Formlosigkeit teilweise aufrechterhalten. Soist es klassischerweise nicht notwendig, für ein Tagebuch Formatie-rungsvorgaben zu befolgen, auf die Orthografie zu achten oder dieVerständlichkeit für mögliche fremde Lesende ständig zu bedenken.Philippe Lejeune schlägt bezüglich der formalen Frage eine solcheDefinition vor:
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30 Ebd., S. 68.
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Für den Bereich der literarisch geprägten Autobiografien ergeben sichnoch einmal andere Fragen und Gestaltungsprinzipien, die hier nichtberücksichtigt werden sollen, die aber insgesamt für den autobiografi-schen Diskurs wichtig sind; vgl. besonders Philippe Lejeune: Der auto-biographische Pakt. Frankfurt a. M.1994; Sidonie Smith, Julia Watson:Reading Autobiography. A Guide for Interpreting Life Narratives.Minneapolis 2010; Hermione Lee: Virginia Woolf's Nose. Essays onBiography. Princeton 2005.
Christa Hämmerle, Li Gerhalter: Tagebuch- Geschlecht- Genre im19. und 20. Jahrhundert. In: Dies.:( Hg.): Krieg- Politik- Schreiben.Tagebücher von Frauen( 1918-1950). Wien, Köln, Weimar, S. 7-31, hierS. 20. Vgl. weitergehend zu Diskursen über die historisch bürgerlichgeprägte Unterscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit und zu derenfeministischer Bedeutung Ulla Wischermann: Feministische Theorienzur Trennung von privat und öffentlich- Ein Blick zurück nach vorn.In: Feministische Studien. Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- undGeschlechterforschung 1( 21), 2003, S. 23-34.