Aufsatz in einer Zeitschrift 
„Sie sagt zu mir du weist sehr viel“ : zum kommunikativen Charakter lebensgeschichtlicher Selbstzeugnisse
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ÖZV, LXXV/ 124, 2021, Heft 2

Zum anderen, indem ich auch lebensgeschichtliche Selbstzeugnisseeinbeziehe- davon ausgehend, dass Tagebücher nach Art des seit demspäten 18. Jahrhundert populär werdenden bürgerlichen Reflexionsta-gebuchs immer auch autobiografischen Charakters sind," sodass dieseohnehin oft in Mischformen auftretenden Gattungen sich epistemo-logisch überschneiden.

Betrachtet werden in dieser Untersuchung Tagebücher, diein verschiedener Weise eine solche lebensgeschichtliche Prägungaufweisen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Dokumenten, die ihrdialogisches und kommunikatives Potenzial besonders deutlich her-vorkehren. Angestrebt wird mithin eine Verbindung narratologi-scher Tagebuchforschung mit der kulturwissenschaftlichen, narrativgeprägten Analyse von lebensgeschichtlichen Erzählungen.

Die Auswahl der Quellen aus drei verschiedenen Sammlun-gen, die populare Selbstzeugnisse archivieren, 12 erfolgte nach demKriterium der ihnen eingeschriebenen kommunikativen Logik. Einesolche haben die ausgewählten Fallbeispiele gemeinsam, wie ich imVerlauf der Untersuchung zeigen werde. Die damit einhergehendeDiversität der Quellen führt zu einem Vergleich, der primär auf derEbene des Erzählerischen angesiedelt ist. Damit wird eine breiteFächerung von Quellen ermöglicht, die das hier betrachtete Phänomendeutlicher hervortreten lässt, wenngleich die Erschließung der jewei-ligen biografischen Hintergründe und der historischen Situiertheitnur verkürzt möglich ist. Stattdessen bilden die drei Zeugnisse eineKlammer, die unterschiedliche Möglichkeiten der zeitlichen Ausrich-tung autobiografischen Schreibens abbildet: Die DiaristInnen schrei-ben einmal prospektiv, mit einem Schwerpunkt auf Erwartungen des

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Vgl. Dusini( wie Anm. 1), S. 55.

Vgl. Christa Hämmerle: Fragmente aus vielen Leben. Ein Portrait der, Sammlung Frauennachlässe' am Institut für Geschichte der Univer-sität Wien. In: L'Homme. Europäische Zeitschrift für FeministischeGeschichtswissenschaft 2( 14), 2003, S. 375–378; Günter Müller: So vie-les ließe sich erzählen...". Von der Geschichte im Ich und dem Ich in denGeschichten der popularen Autobiographik. In: Institut für Wirtschafts-und Sozialgeschichte der Universität Wien( Hg.): Wiener Wege derSozialgeschichte. Themen- Perspektiven- Vermittlungen. Wien, Köln,Weimar 1997, S. 335-356; Frauke von Troschke, Gerhard Seitz: Jeder hatdas Recht, gehört zu werden. Das Deutsche Tagebucharchiv in Emmen-dingen. In: Gold, Holm, Bös, Nowak( Hg.)( wie Anm. 5), S. 120–123.