Jahrgang 
124 (2021) / N.S. 75
Seite
163
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Literatur der Volkskunde

Sabine Benzer( Hg.): Kulturelles Erbe- Was uns wichtig ist!Wien/ Bozen: Folio 2020, 159 Seiten.

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Der Begriff des Kulturerbes hat auf zahlreichen Diskursebenen seitmehreren Jahrzehnten Hochkonjunktur. Letztendlich als broad andslippery term"( Rodney Harrison) bezeichnet, hat er unzählige Defi-nitionsversuche hinter sich und polarisiert nicht nur die wissenschaft-liche Fachwelt. Das spiegelt sich im Inhalt des von der Kunsthistori-kerin und Kulturmanagerin Sabine Benzer herausgegebenen BandesKulturelles Erbe- Was uns wichtig ist!. In ihrem sehr kurzen Vorwortstellt sie in Aussicht, mit dieser Publikation einen Beitrag zum not-wendigen Ausverhandeln( S. 10) des Begriffes Kulturerbe leistenzu wollen, indem sie ihre Gespräche mit sieben ExpertInnen zu diesemThemenfeld öffentlich macht. Kurz umreißt sie zunächst ihre eigenePosition. Für Benzer dient das kulturelle Erbe der Identifikation miteinem kollektiven Selbstbild" und stellt einen maßgeblichen Bezug zurVergangenheit her. Leider erfahren wir nicht mehr über die Eigen-perspektive der Autorin und die Kontexte dieser Gespräche, die ihremCharakter nach eher nicht- kontroversielle Interviews sind als dialogi-sche Auseinandersetzungen. Benzer stellt häufig Fragen, die sich aufeinschlägige Zitate in Veröffentlichungen der ExpertInnen beziehen,und jene antworten in mehr oder weniger ausführlichen Stellungnah-men, die nachträglich mit Quellenangaben versehen worden sind.

Der prominenten Literatur- und KulturwissenschaftlerinAleida Assmann stellt Benzer gleich zu Beginn die Frage nach demVerhältnis zwischen kulturellem Erbe und kollektivem Gedächtnis.Assmann sieht ersteres als wichtige Sinnschicht des Gedächtnisses,die die Transformationsprozesse des Vergangenen in die Gegenwartbegleitet. Für sie ist der Erbe- Begriff spätestens mit der Etablierungder Critical Heritage Studies nicht länger negativ belastet wie inder Zeit der Nachkriegsmoderne und des Kalten Krieges, in derman Erbe" in Deutschland als ausschließlich wertkonservativ deco-diert und den Denkmustern der politisch Rechten zugeordnet habe.Gleichzeitig habe aber etwa auf politischer Ebene eine Trivialisierungstattgefunden, um schöne Kulissen zu schaffen und diese ökonomischzu verwerten. Trotzdem verteidigt Assmann das Kulturerbekonzeptan sich und den damit verbundenen Ansatz eines zeitresistenten