Literatur der Volkskunde
Wolfgang Brückner: Das Jahr 1938 in der deutschsprachigenVolkskunde. Meinungshegemonien des gedruckten Wortes.Münster/ New York: Waxmann 2020, 205 Seiten.
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Wenn der Doyen der volkskundlichen Fachgeschichtsschreibung sichzum 90. Geburtstag mit dem vorliegenden Band selbst ein bedeuten-des Geschenk macht, ist dies allemal eine genaue Betrachtung undeine intensive Auseinandersetzung wert. Können wir doch davon aus-gehen, dass Wolfgang Brückner nach jahrzehntelanger Erfahrung undQuellensammlung nach wie vor Neues einbringt.
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In einer ausführlichen Einleitung beschreibt Brückner seineIntentionen, wobeiganz Brückner kleine Seitenhiebe auf dieFachgeschichte rund um den Band Völkische Wissenschaft( 1994) nichtfehlen. Dazu eine persönliche Anmerkung: Als einer der Autoren die-ses umfangreichen Bandes sah ich mich damals( so wie heute) zwareiner kritischen Wissenschaft und einem Antifaschismus verpflichtet,jedoch sah ich das Werk nicht unter der„ Devise des fiktiven Antifa-Narrativs der DDR- Geschichtsschreibung“( S.13), wie es Brücknerblumig formuliert. Die Mitherausgeberschaft von Wolfgang Jacobeitbedeutete schließlich keine Unterwerfung unter eine bestimmteDevise.
Der vorliegende Band ist in fünf Kapitel gegliedert, die wie-derum drei bis vier Abschnitte aufweisen. Die Struktur wirkt aufden ersten Blick etwas heterogen, ihre Klammer bildet jedoch einer-seits die nationalsozialistisch ausgerichtete Volkskunde, andererseitsdas unheilvolle Jahr 1938: Zunächst wendet sich Brückner dem„ AmtRosenberg" zu. Dieser Teil bringt viel für Insider Bekanntes. Dies solljedoch keine Kritik sein, da auch Bekanntes, in einen neuen Kontextgestellt, zu neuen Überlegungen Anlass bietet. Und vor allem zeigtdieser Teil eines deutlich: Obwohl Brückner„ 1938“ scheinbar in denMittelpunkt stellt, versucht er, volkskundliches Arbeiten in der NS-Zeit in seiner Gesamtheit zu erfassen und in„ einem knapp gefasstenDurchblick"( Vorwort) darzustellen. Ein nach 1945 aus dem Blick desFaches mehr oder weniger Verschwundener wird in diesem Abschnittin den Mittelpunkt gestellt und bildet überhaupt durchgängig einezentrale Figur der vorliegenden Auseinandersetzung mit der Fach-geschichte jener Zeit: Matthes Ziegler( 1911–1992).