Jahrgang 
124 (2021) / N.S. 75
Seite
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Chronik der Volkskunde

Bericht zur internationalen Tagung Socialist Folkloristics:A Disciplinary Heritage", Online- Tagung via Zoom,Institute of Literature, Folklore and Art, Riga( Lettland),16. bis 18. Dezember 2020

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Die Beschäftigung mit der Fach- und Wissenschaftsgeschichte erfährtin den letzten Jahren eine neue Konjunktur maßgeblich daran betei-ligt sind Forschende aus den baltischen Staaten Estland, Lettland undLitauen, die sich mit dem Erbe einer nach der sowjetischen Okku-pation sozialistisch- stalinistisch ausgerichteten Disziplinenlandschaftbefassen. Volkskundlich- kulturwissenschaftliche Forschungen erleb-ten unter den damaligen ideologischen Prämissen nicht nur einenwidersprüchlichen Boom, sondern auch eine thematische Neuaus-richtung auf die im Sozialismus zentrale werktätige Bevölkerung.Damit veränderten sich zwar die Epistemologien des forschendenTuns, zugleich blieb vieles aber auch ähnlich wie in den Jahren davor,etwa die konkreten ethnografischen Forschungspraktiken mittelsKorrespondent innennetzen und sammelnder Aufschreibesysteme.Volkskundliche bzw. folkloristische Veranstaltungen und Formatebewegten sich nun neu in einem anforderungsreichen Spannungsfeldzwischen dem erklärten Ziel der Authentizität und den zeitgenössi-schen, neu gestalteten Hybridformen, die sowohl an den Sowjet- Sozi-alismus wie zugleich auch an jeweilige Nationalismen und Identitätenanknüpften, darunter etwa an die stets präsenten baltischen.

Die internationale Tagung gab 16 Kolleg* innen in fünf Panelsdie Gelegenheit, ihre konkreten Projekte, empirischen Forschungenund analytischen Zugänge vorzustellen. Die englischsprachige Kon-ferenz im uns nun allen aus den letzten Monaten vertrauten digitalenZoom- Raum zeichnete sich durch beeindruckend reflexive Beiträge,zahlreiche empirisch- quellenbasierte Präsentationen und ein bemer-kenswertes Interesse der Teilnehmenden aus. Ein Manko virtuellerTagungen stellt die in diesen Formaten leider noch wenig eingeübteDiskussionskultur dar, in der etwa Diskussionsbeiträge im Chatgestellt und dann vorgelesen werden oder aber Detailfragen notge-drungen im Plenum verhandelt werden, statt dass sie wie sonst inanschließenden Einzelgesprächen geklärt werden könnten. Insge-samt werden jedoch auch die Vorteile solcher neuen Formate sichtbar