Aufsatz in einer Zeitschrift 
Topos Corona : zur Krise der Alltagsethnografie
Seite
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Katharina Eisch- Angus

Topos Corona.

Zur Krise der Alltagsethnografie

Erst in der Krise wird der Alltag zum Problem: Mit( damals nichtganz selbstverständlicher) Einigkeit reklamierten Utz Jeggle und Ina-Maria Greverus 1978 und 1983 ein neues Selbstbewusstsein für einFach ein, das aus der Krise kommt. Die Geschichtlichkeit leiblicherErfahrung, die Integration von Identität und Sozietät, die Potenzialedes Utopischen nichts weniger sollte Programm einer volkskund-lich- kulturanthropologischen Alltagskulturwissenschaft werden.'

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2020, in der globalen Krisenerfahrung des ersten Corona-Lockdowns, schlägt die Stunde der Ethnografie: Wann, wenn nichtjetzt? Wer, wenn nicht wir? Wer hätte nicht mit fachlichem Ethosund einem Schuss Kriegsgewinnlertum den Drang verspürt, die Krisezu ethnografieren, Studierende auf Corona anzusetzen? Einmal wie-der Forschungstagebuch zu schreiben und dies mit eigener Bewälti-gung zu verbinden? Und dann wer hätte sich nicht dabei ertappt,Abstand- Verfehlungen auch mal mit denunziatorischem Blick abzu-strafen, autoritäres Krisenmanagement als entlastend zu erleben,Skeptiker: innen standardmäßig den Verstand abzusprechen( geht'snoch?"), mit Nostalgie aus dem zweiten und dritten Lockdown aufden ersten zurückzublicken? Welche: r Corona- Ethnograf: in hättenicht am eigenen Leib erlebt, wie reflexiver Eifer in Überdruss undPeinlichkeit kippt? Die Kränkung des frisch wiedergewonnenen, feld-forschenden, I was there' verdauen müssen, wenn doch alle anderenimmer auch schon dort gewesen sind? Was bleibt aus der rundum-normalisierten Krise für die Ethnografie?

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Vgl. Utz Jeggle: Alltag. In: Hermann Bausinger, Utz Jeggle, GottfriedKorff, Martin Scharfe: Grundzüge der Volkskunde. 4. Auflage. Darm-stadt 1999, S. 81-203; Ina- Maria Greverus: Alltag und Alltagswelt:Problemfeld oder Spekulation im Wissenschaftsbetrieb? In: Zeitschriftfür Volkskunde 1( 79), 1983, S. 1-14.