Anna Weichselbraun
Chronotopos Corona
Dieser Essay entstand in den ersten Wochen des ersten Lockdowns auseinem Versuch heraus, die neuen Logiken des fremd gewordenen Alltagszu verstehen. Nach einem Jahr Covid- 19 ist die Beobachtung überdie raumzeitliche Situiertheit der Pandemie noch immer relevant, nurhaben sich mittlerweile gewisse Positionierungen( Corona- Leugner,Regierungsversagen, Lockdown- Müdigkeit) stabilisiert.
Ein virales Video, das von einem Mailänder FilmemacherInnen-Kollektiv produziert wurde, zeigt ItalienerInnen, die Videonachrichtenan ihr Selbst von vor zehn Tagen aufzeichnen. Das Video veranschau-licht die zeitverzögerte Erfahrung der Pandemie- wie schnell sichdie Situation und ihre Wahrnehmung ändern kann und dient alsWeckruf an diejenigen, die in der Coronavirus- Vergangenheit nochimmer die Schwere des Krankheitsausbruchs leugnen. Eine Frau imVideo sagt zu ihrem Ich von vor zehn Tagen:„ Ich bin mir sicher, dassdu von etwas namens Coronavirus gehört hast. Und ich bin mir auchziemlich sicher, dass du es unterschätzt.“ Eine andere Frau, die eineMaske trägt, sagt:„ Ich habe mich immer über Leute lustig gemacht,die Masken tragen."
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Die globalen Erfahrungswerte mit der Pandemie haben sichso ansteckend ausgebreitet wie das Virus selbst. Und die oft zitiertenWorte des Science- Fiction- Autors William Gibson treffen auch aufdie Pandemie zu:„ Die Zukunft ist schon da, sie ist nur nicht sehrgleichmäßig verteilt.“
Aber wie der Name der Krankheit selbst schon andeutet,hinkt das Bewusstsein für die Bedrohung, die von Covid- 19- ausdem Jahr 2019 ausgeht, der tatsächlichen Verteilung der infiziertenMenschen hinterher. Deren wahre Zahl wird durch asymptomati-sche TrägerInnen, fehlende Tests und die Abneigung/ Unfähigkeit,medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, verschleiert. Der Graddes Bedrohungsbewusstseins entsteht in einem fraktalen Muster