Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde124 (2021) / N.S. 75Kordel, Jacek: Boläck: Noch wilder als der grausame Schwöth

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Boläck: Noch wilder als der grausame Schwöth : über die Vorbilder und Quellen des Polenbildes in der Steirischen Völkertafel
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ÖZV, LXXV/ 124, 2021, Heft 1

Stadtmauern zu bauen oder den Sold zu zahlen.55 Es kann nicht ausge-schlossen werden, dass die Erinnerung an das polnische Entsatzheerund seine Beteiligung an der Schlacht am Kahlenberg am 12. Septem-ber 1683, die die Zweite Wiener Türkenbelagerung beendete, damalsnoch nicht ganz verblasst war.56 Zudem war Ende des 17. Jahrhundertsdie Vorstellung von Polen als der östlichen Vormauer des Christen-tums"( antemurale christianitatis) noch lebendig. Erst der BeitrittRusslands zur Heiligen Liga unter Alexei Michailowitsch( 1686) undder anschließende Bedeutungszuwachs des Zarenstaates unter Peterdem Großen führten dazu, dass Russland zunehmend als Verteidigerdes christlichen Glaubens angesehen wurde.57

2.5 Glaubensangelegenheiten

Weniger Probleme bereitete dem/ der Autor in der Völkertafel offen-bar die Kategorie Gottesdienst, wenn etwa festgestellt wird, derPole glaubt allerley", womit höchst wahrscheinlich ein vergleichs-weise offener Umgang mit Vertreter* innen verschiedener Konfes-sionen und Religionen gemeint ist. 58 Nicht ohne Grund konstatiertBerckenmeyer, dass von allen europäischen Völkern eben die Polenin Konfessionsangelegenheiten die größte Offenheit und Toleranz

55 Vgl. De Tende( wie Anm. 25), S. 132–139.

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In den 1710er Jahren schuf der Theaterimpresario und Dramatiker JosephAnton Stranitzky für das Wiener Volkstheater ein Stück( Türckisch-bestraffter Hochmuth oder das anno 1683. Von denen Türcken belagerteund von denen Christen entsetzte Wienn und Hans Wurst die kurzwei-lige Salve- Guarde des Frauen- Zimmers, lächerlicher Spion, und zum Todeverdamter Miẞethäter), in dem Jan III Sobieski als Erlöser der Stadtdargestellt wurde. Es kann angenommen werden, dass die von ihm for-mulierte Bewertung historischer Persönlichkeiten weitgehend mit den inder Wiener Öffentlichkeit des frühen 18. Jahrhunderts vorherrschendenAnsichten übereinstimmte.

Der Wandel in der Betrachtungsweise der Rolle Polens und Russlandsals ,, Vormauer des Christentums" lässt sich hervorragend an den Textenvon Gottfried Wilhelm Leibniz erkennen. Agnieszka Pufelska: Derwandelbare Philosoph oder warum Leibniz kein Pole sein wollte. In:Friedrich Beiderbeck, Irene Dingel, Wenchao Li( Hg.): Umwelt undWeltgestaltung: Leibniz' politisches Denken in seiner Zeit. Göttingen2015, S. 359-378; Kordel( wie Anm. 1), S. 27-51.

Es lässt sich nicht ganz auszuschließen, dass der/ die Autor in sagenwollte, die Polen seien ein abergläubisches Volk; vgl. die heidnischen Glossar ::: zum Glossareintrag  heidnischenTraditionen in Samogitien, die in Kapitel 2.1 erörtert werden.