Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde124 (2021) / N.S. 75Kordel, Jacek: Boläck: Noch wilder als der grausame Schwöth

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Boläck: Noch wilder als der grausame Schwöth : über die Vorbilder und Quellen des Polenbildes in der Steirischen Völkertafel
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ÖZV, LXXV/ 124, 2021, Heft 1

Ölgemälde( 104 × 126 cm), wird im Österreichischen Museum fürVolkskunde in Wien aufbewahrt und ausgestellt( Abb. 1). Das Objekt,das als Wandverzierung für eines der Wirtshäuser im steierischenAussee gedacht war, enthält in Form einer Tabelle geordnete Zuschrei-bungen verschiedener Eigenschaften( u. a. Natur und Charakter, Ver-stand, Kriegstugenden, Frömmigkeit) von zehn europäischen Natio-nen. Sie sind von links nach rechts nach geografischen Kriterien( vonWest nach Ost) angeordnet, wobei diese Anordnung eine Hierarchieimpliziert: Je weiter man nach Osten kommt, desto negativer sind dieZuschreibungen. Im besten Lichte sind die romanischen Völker( Spa-nier, Frantzoẞ, Wælisch) dargestellt, daran anschließend nördli-che( Teutscher", Engerländer, Schwöth) und schließlich slawischebzw. östliche Völker( Boläck, Unger, Muskawith und Tirk oder Grich). Polen( als Boläck bezeichnet) befinden sich innerhalb dieserHierarchie im unteren Mittelfeld, gefolgt von Ungaren, Moskowiternund Türken oder Griechen. Als Vorlage diente dem/ der Autor inein Kupferstich mit dem Titel Aigentliche Vorstell- und Beschreibung derFürnehmsten in Europa befindlichen Landvölcker, der zwischen 1718 und1726 von Friedrich Leopold in Augsburg angefertigt wurde.²( Abb. 2)

Woher hat der/ die Autor in der Völkertafel seine Vorstellun-gen über den Nationalcharakter, die Sitten und Bräuche der europäi-schen Völker geschöpft? ³ Der österreichische LiteraturwissenschaftlerFranz K. Stanzel, der die Völkertafel über viele Jahre untersucht hat,vertritt die Meinung, dass die Charakterbilder zu einem erheblichenTeil aus der Literatur im weiteren Sinne[ stammen]. 4 Seiner Meinung

2 Einen Überblick zur Forschung über die Völkertafel bietet: Franz K.Stanzel: Der literarische Aspekt unserer Vorstellungen vom Charakterfremder Völker. In: Anzeiger der österreichischen Akademie der Wissen-schaften 111, 1974, S. 63-82; ders.: Europäer. Ein imagologischer Essay.Heidelberg 1997, S. 13-43; ders.( Hg.): Europäischer Völkerspiegel.Imagologisch- ethnographische Studien zu den Völkertafeln des frühen18. Jahrhunderts. Heidelberg 1999.

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Nach Stanzels Meinung ist der Nationalcharakter im imagologischenSinne[...] immer gleichbedeutend mit dem Begriff Stereotyp". Auf dietheoretische Diskussion über das Wortfeld des Begriffs Stereotyp"und Vorstellung/ Image/ Bild gehe ich hier nicht ein, vgl. Stanzel: Zurliterarischen Imagologie. Eine Einführung. In: ders.( Hg.): EuropäischerVölkerspiegel( wie Anm. 2), S. 9-39, Zitat: S. 12.

Ebd., S. 11.