Raum als ForschungskategorieZu Wegen und Zielsetzungenethnografisch- kulturwissen-schaftlicher Raumanalyse
Manfred Seifert
Als Folge der globalisierenden Moderne wird vielfach einequalitative Um- bzw. Abwertung der Raumbezüge im All-tag diagnostiziert. In den Geistes- und Kulturwissenschaf-ten veranlasst dieser Wandel eine neue Aufmerksamkeitgegenüber dem Faktor Raum. Die Europäische Ethnolo-gie/ Volkskunde kann dabei auf eine rund 200 Jahre an-dauernde Beschäftigung mit Raumfragen zurückblicken.Die ältere Forschung stellt sich dabei als problematisch dar.Die Neuorientierung nach 1945 und schließlich die aktuelleForschung wechselten vom territorialen Raumbegriff zumRaum als soziales Konstrukt. Der Beitrag unternimmt einekritische Sondierung dieses Perspektivenwechsels.
Konkrete Orte, lokale Gegebenheiten, materiell vorgefundene Räumesind in den Analysen des Alltagslebens der Spätmoderne zunehmend alsvernachlässigbar eingestuft worden. Chatrooms, Indoor- Freizeitweltenund Ortspolygamie bilden demnach sinnfällige Momente eines um-fassenden Transformationsprozesses, der im Zuge von Globalisierung,zunehmender Mobilität und wachsender Flexibilität die aktuellen Le-benswelten bedingt. Überlokale Verbindungen und geografisch weitgespannte Netzwerke mittels moderner Informations- und Kommu-nikationstechniken suggerieren, dass das Lokale für die Alltagspraktikunwichtiger wird. So lauten einige Befunde, die daraus eine neue Qua-lität des Raumes ableiten, der nun als dynamische und prozessuale Grö-Be systematisiert wird. Räumliche Bezüge werden nun selbst flexibel,kontingent und fragil.' Ortsidentitäten werden verhandelbar. Und vorallem: die alltagsweltliche Perzeption und Lebensvollzüge erfahren eine