Aufsatz in einer Zeitschrift 
»Der zwölfte Mann« : die Europäische Ethnologie im Feld der Fußballfans
Einzelbild herunterladen
 
  

442

Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIII/ 112, 2009, Heft 4

von Córdoba<< 1978 91 bieten Anlässe der Erinnerung und Identifikation,nationaler Überlegenheitsgefühle oder Schande. Der Wiener Kulturso-ziologe Roman Horak bezeichnete den 3: 2 Erfolg der österreichischenNationalmannschaft gegen das deutsche Team bei der Weltmeisterschaft1978 sogar als>> Meilenstein der Identitätspolitik Österreichs<< 92. Die In-terpretation mag übertrieben klingen, auch zeigt sich gerade am BeispielÖsterreichs verglichen mit Deutschland eine ganz andere Karriere undheute weitaus geringere Bedeutung des Ballspiels, wie Horak selbst ver-schiedentlich beschreibt.93 Doch ungeachtet dessen bleibt es eine( auch inÖsterreich zu beobachtende) Tatsache, dass Fußballspiele zum Erinne-rungsort zu werden vermögen- zum lieu de mémoire 94-, für den sogarAkteure der Erinnerung milieux de mémoire- zu benennen sind. Fuß-

91

92

Überraschend besiegte die österreichische Nationalmannschaft bei der Weltmeis-terschaft am 21.6.1978 in Argentinien das deutsche Team 3: 2, woraufhin der dop-pelte Torschütze Hans Krankl zum österreichischen Nationalhelden avancierte. DieKrankl zugesprochene Aussage» Wenn ich einen Deutschen sehe, werde ich zumlebendigen Rasenmäher«< ist ebenso legendär geworden wie die Radioreportage EdiFingers, in der dieser ausrief:» Tor! Tor! Tor! I wear narrisch«<( zit. in: Jochen Hieber:Cordoba- Inszenierung. Und wieder wurden sie narrisch, in: F.A.Z., 115, 19.5.2008,S. 35). Aufgrund des gerade in den 1970er Jahren höchst ambivalenten Verhältnissesvieler Österreicher zu Deutschland haben Spiele und speziell Siege der österreichi-schen gegen die deutsche Mannschaft tendenziell eine hohe symbolische Bedeutung.Horak( wie Anm. 8), S. 447.

93 Fußball war in Österreich respektive Wien zunächst ein spezifisch städtisches Ver-gnügen zweier differenter sozialer Milieus, häufig mit den Begriffen>> Kaffeehaus<<und>> Vorstadt<< typisiert( vgl. Roman Horak, Wolfgang Maderthaner: Mehr als einSpiel. Fußball und populare Kulturen im Wien der Moderne. Wien 1997). Damitwar das Fußballspiel auch Symbol der Auseinandersetzung zwischen Zentrum undPeripherie. Im Wien der Zwischenkriegszeit erlebte es eine gewaltige Popularisie-rung( vgl. Roman Horak: Fußball von Wien nach Österreich, in: Ernst Bruckmüller,Hannes Strohmeyer[ Hg.]: Turnen und Sport in der Geschichte Österreichs. Wien1998, S. 156–169; Johann Skocek, Wolfram Weisgram: Das Spiel ist das Ernste. EinJahrhundert Fußball in Österreich. Wien 2004). Erst allmählich avancierte Fußballin Österreich zum national konnotierten Sport, der zwar zunehmend Bedeutung er-langte, gleichwohl als nationale Identifikationsfolie in der Nachkriegsgeschichte stetsein geringeres Gewicht einnahm als der Skisport als erfolgreicher Volks- und Natio-nalsport( vgl. Horak[ wie Anm. 8]; vgl. Thomas Marschik: Der Ball birgt ein Mys-terium. Vom>> englischen Sport«< zur>> Wiener Fußballschule«<, in: Ernst Bruckmüller,Hannes Strohmeyer: Turnen und Sport in der Geschichte Österreichs. Wien 1998,S. 170-186).

94

Vgl. Gunter Gebauer: Die Bundesliga, in: Etienne Francois, Hagen Schulze( Hg.):Deutsche Erinnerungsorte. München 2002, S. 450-468.