Aufsatz in einer Zeitschrift 
»Der zwölfte Mann« : die Europäische Ethnologie im Feld der Fußballfans
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Brigitta Schmidt- Lauber,» Der zwölfte Mann<<

auch eine besondere Qualität und Quantität an Mobilität mit sich: ImWien der Zwischenkriegszeit kollabierte das Verkehrssystem an Spielta-gen regelmäßig, da bis zu einem Siebtel der Einwohner Wiens Sonntagfür Sonntag zu den Arenen der Vorstadt pilgerte.60 Fußball vermittelt( e)schließlich auch» moderne«< Zeitkategorien und spezifische Wahrneh-mungsmodi von Zeit: Das Spiel trennt Freizeit von Arbeitszeit und esbindet auch innerhalb eines Matches für regelmäßig wiederkehrendeZeitabschnitte die Aufmerksamkeit( Halbzeiten von je einer dreiviertelStunde, Halbzeitpause, Verlängerung etc.). Darin macht das Fußballspiel>> Zeit<< subjektiv als variable Größe» langsam« oder»> schnell<< vergehend- erfahrbar.

Fußball erscheint mithin in mehrerlei Hinsicht als Schauplatz his-torisch spezifischer gesellschaftlicher Prinzipien und biographischer Er-fahrungen. Für den einzelnen Zuseher mag das Fußballgeschehen auchinsofern einen besonderen Wiedererkennungswert haben, als es Meta-pher für die Schicksalhaftigkeit des eigenen Lebens, für Gewinnen undVerlieren ist und diese zu bewältigen lehrt.61 Ein Match führt das Ärger-nis wie die Unumgänglichkeit menschlichen Fehlverhaltens vor Augen- zum Beispiel ein nicht gepfiffenes Abseits oder eine gelbe Kartees belohnt aber auch immer wieder etwa für harten Einsatz im Zwei-kampf. Für Misserfolge werden» Rechtfertigungsgeschichten<«<, so dievon Albrecht Lehmann 62 benannte Erzählgattung, gefunden. Und auchdie Unbeständigkeit gesellschaftlichen Lebens wird im Fußballspiel do-kumentiert: nicht nur in den ständig wechselnden Helden auf dem Grün,sondern auch in der schlichten Tatsache, dass sich kein Spiel wiederholenlässt. Das Fußballspiel hat so gesehen gesellschaftlichen wie individuell-biographischen Lehrcharakter.

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Ebd., S. 155; vgl. Roman Horak: Kaffeehaus und Vorstadt, Feuilleton und Massen-vergnügen. Über die doppelte Codierung des Fußballs im Wien der Zwischenkriegs-zeit, in: Fanizadeh, Hödl, Manzenreiter( wie Anm. 4), S. 57-72.Bromberger( wie Anm. 3), S. 288 ff.

Albrecht Lehmann: Rechtfertigungsgeschichten, in: Rolf Wilhelm Brednich, Her-mann Bausinger( Hg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur histori-schen und vergleichenden Erzählforschung. Band 11. Berlin 2003, Sp. 401-406.

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