Aufsatz in einer Zeitschrift 
»Der zwölfte Mann« : die Europäische Ethnologie im Feld der Fußballfans
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426 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIII/ 112, 2009, Heft 4

ner Alltagskulturwissenschaft genügt dies nicht, und so beschreitet dieEuropäische Ethnologie weitere Wege: Sie fragt nach den Bedeutungendes Geschehens für die Gesellschaft und für den Einzelnen, nach der Er-fahrungsqualität und der Situations- und Kontextgebundenheit des Fan-Seins im Leben und Alltag der Akteure. Auf diese Weise wird auch derUnterschied klar, den es macht, ob der Gymnasialdirektor oder ein An-gehöriger der heute als Prekariat bezeichneten Schicht zu St. Pauli oderzu Austria Wien ins Stadion geht. 29 Der mikroskopische Blick in dieRänge sowie der Überblick aus der Vogelperspektive auf das Stadionovalbringen Erfahrungsgehalte, Widersprüche³0 und Differenzierungen zumVorschein, die verloren gehen, wenn Kategorien von Fans unterschiedenoder Vereine allein nach ihrem Image- etwa als» reicher Club«<, als» Un-derdog oder als» Arbeiterverein« typologisiert werden.

Raum und Kultur

Ethnologische Studien zeigen somit die Heterogenität an Lebensstilen,Milieus und Bedeutungen im Stadion. Sie dokumentieren auch, wie sichZugehörigkeiten und Hierarchien der Gesellschaft oder einer konkretenStadt im Stadion abbilden und zwar sogar räumlich. Das Stadion ist mehrals ein lokaler Rahmen für Ballspiele, seine Architektur nicht aussagelo-se Ästhetik.³¹ Aufbau und Erscheinung eines Stadions verraten vielmehr

29

Nicht ohne Grund habe ich an dieser Stelle zwei konträr positionierte Vereine- ne-ben dem>> Underdog« FC St. Pauli den Fußballverein Austria Wien, dessen Anhän-gerschaft dem bürgerlichen Milieu zugerechnet wird- erwähnt. Bei beiden Vereinenbzw. in Stadien insgesamt findet sich de facto ein sozial weitaus differenzierteresPublikum als die als jeweils typisch zugeschriebene Anhängerschaft. Diese Tatsachegerät indes oftmals aus dem Blick. Es gehört zu den Kennzeichen der Fußballfankul-turforschung, die Anhänger eines Vereins wie diesen selbst sozial zu homogenisierenals zum Beispiel»> Arbeiter( club)<- wie speziell bei Fußballfans und-vereinen imRuhrgebiet oder als» Bonzen( club)«<, wie bei den erfolgreichen und finanzstarkenVereinen des internationalen Ballgeschehens. Ein genauerer Blick auf die Zuschauer-kreise, für den ich hier plädiere, zeigt dagegen sehr viel größere soziale Differenzie-rungen( vgl. auch Stefan Goch: Fußball im Ruhrgebiet. Der Mythos vom Arbeiter-sport, in: Mittag, Nieland[ wie Anm. 8], S. 117-142).

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30 Vgl. Matt Hills: Fan Cultures. London 2002.

31

Vgl. Matthias Marschik( Hg.): Das Stadion. Geschichte, Architektur, Politik, Öko-nomie. Wien 2005.