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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIII/ 112, 2009, Heft 3
Aber so simpel, wie es auf den ersten Blick wirkt, war RadingersKonzept keineswegs; denn neben die Fährte des Anheimelns legte er dieFährte des Fremdelns; die Fährte der Wärme durchkreuzte er mit einerFährte des Fröstelns, der Abkühlung, des Aneckens. Der Geste der emo-tionalen Umarmung setzte er die Geste einer distanzierten und distanzie-renden musealen Statistik entgegen, die er in Sälen des Wissens präsen-tieren wollte: im Saal der Hausgeräte, im Saal der landwirtschaftlichenGeräte, im Saal der Sittengeschichte. In diesem> Saal der Sittengeschichte ‹hätte Karl von Radinger( neben> grotesken Masken und Kostümen< desfastnächtlichen Schemenlaufens, neben anderen Requisiten des tiroli-schen Stubentheaters) die Luzifer- Gestalt aus dem Stummer Nikolaus-spiel vorgestellt( deren Äußeres Sie alle längst kennen) wenn sie denndamals schon zu den Sammlungsbeständen gehört hätte.
Und ganzbestimmt hätte Radinger eine Geschichte über Luzifer er-zählt; und das ist vielleicht der größte Unterschied zwischen dem altenKonzept, das ich kurz zu skizzieren versucht habe, und dem neuen, mitdem wir heute vertraut gemacht werden: es wird nun keine Geschichtemehr über Luzifer erzählt, sondern Luzifer spricht selbst. So stellt sich denndie Frage: Kann er das? Darf er das? Was hat er zu sagen? Wer also istLuzifer? Wir wollen Auskunft über Luzifer!
Auskunft über Luzifer
Museumsleute sind es gewohnt, vom Materiellen auszugehen, vom Stoff-lichen, vom Äußeren. Unsere Luzifer- Figur ist so abgrundhäßlich, ist einsolcher Ausbund an Ekelerregendem- schleimige Zunge, stierende Au-gen, Warzen, Hörner, Fledermaus- und Krötenartiges-, daß einem derGedanke beifallen muß: Warum dachten sie ihn so häßlich? Mußten sieihn so abstoßend bilden- aus Angst, die Menschen glaubten ihm sonstseine Bosheit nicht?
Der Volkskundler, der viel in den Archiven gearbeitet hat, um zuerfahren, wie es um den Glauben der Menschen in historischen Zeitenwirklich stand, weiß manches zu berichten von dem, was man früher> volksfrommen Glauben< nannte. Mehr wird er zum sogenannten>> Aber-glauben«< gefunden haben, der ja, bei Licht besehen, stets ein Zeichen desMißtrauens in die offiziell gepredigte Religion war. Die überraschendstenFunde aber sind die zahlreichen Berichte über das verzweifelte Vertrauenvieler Menschen in den Teufel, den Gegenspieler Gottes, als der mögli-