314 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIII/ 112, 2009, Heft 3
nachdem sie gerade in die Villa Kunterbunt eingezogen ist. 27» Was ihrmachen wollt, weiß ich nicht<, sagte Pippi.> Ich werde jedenfalls nichtauf der faulen Haut liegen. Ich bin nämlich ein Sachensucher, und da hatman niemals eine freie Stunde.<<< Die neuen Freunde sind erstaunt undwollen wissen, was das ist.» Jemand, der Sachen findet, wisst ihr. Wassoll es anderes sein?<, sagte Pippi,[...]> Die ganze Welt ist voll von Sachen,und es ist wirklich nötig, dass jemand sie findet. Und das gerade, das tundie Sachensucher.<<< Auf die Frage, welche Sachen denn zu suchen seien,werden Goldklumpen und Schraubenmuttern gleichermaßen diskutiert,wobei eine gewisse Vorliebe beim ersten liegt. Annika fragt nach:>>> Darfman wirklich alles nehmen, was man findet?« und Pippi antwortet:> Ja,alles, was auf der Erde liegt. Ein Stück weiter lag ein alter Herr auf demRasen vor seiner Villa und schlief.<< 28
Die Sprach- und Situationskomik soll uns hier nicht interessieren,aber wie die drei in einer Welt voller Sachen ihre Aufmerksamkeit fürdas Unbedeutende, Unscheinbare und Unspektakuläre teilen, entsprichtder Typisierung einer disziplinären Neugierde, die auf der Basis einesweiten Kulturbegriffs eine nivellierende Egalität zwischen Gold undSchraube ausmacht, denn als Zeugnis von Kultur sind sie gleichwertig.Die Beispielsgeschichte verbindet sich mit einer zweiten Perspektivedes Fachs: Es sucht und analysiert Sachen, um den Menschen zu finden.Lange Jahre verstand sich das Fach als Experte für Schraubenmutternund nicht für Goldklumpen, die Konzentration auf untere, auf breite Be-völkerungsschichten war neben der regionalen Orientierung eine seinerKonsensformeln. Diese basale Orientierung gilt heute noch im Groben:Die Untersuchung des historischen und gegenwärtigen Alltags, die Le-bensverhältnisse und das alltägliche Dasein betrachtet Martin Eichhornin seiner» Kulturgeschichte der Kulturgeschichten« als typisch für dasFachinteresse. 29 Im Feinen jedoch haben sich die thematischen, theore-tischen und methodischen Felder erweitert. Die kleine Disziplin hat im-mer wieder ihre Beweglichkeit bewiesen, auf gesellschaftliche Themen-und Problemfelder flexibel zu reagieren: Das ist eine ihrer Stärken.
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Ich verdanke den Hinweis auf diese Passage Detlef Hoffmann.
Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf. Jubiläumsedition zum 100. Geburtstag von As-trid Lindgren. Hamburg 2007, S. 26f.
Martin Eichhorn: Kulturgeschichte der Kulturgeschichten. Typologie einer Litera-turgattung. Würzburg 2002, S. 82f.