308 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIII/ 112, 2009, Heft 3
Zur Landkarte eines Faches: Profile und Perspektiven
Durch die Tendenz zur Umbenennung in Europäische Ethnologie zeigtsich heute wieder eine relative Identifizierbarkeit des Fachs, auch wennsich immer noch zehn unterschiedliche Namen auf 24 Standorte vertei-len. Diese Seminare, Abteilungen und Institute teilen die Vorstellungeine Kulturwissenschaft zu sein. Sich als Sozialwissenschaft zu bezeich-nen, findet fast nicht mehr statt. Eine Ausnahme bildet der Standort Zü-rich, der beide Perspektiven mit einem» und« verbindet. Starke Über-einstimmung zeigt sich in Bezug auf die Untersuchung alltagskulturellerPhänomene und die Konzentration auf das Lokale und Regionale. Zu-sammenfassend kann gesagt werden, dass die Standorte, die verstärktan der»> Ethnologisierung und Europäisierung«( Marburg) arbeiten, sichebenfalls stärker globalen Themen und außereuropäischen Bezügen zu-wenden. Der Fachstandort Frankfurt/ Main ging mit der frühen Umbe-nennung in Kulturanthropologie bereits unter Ina- Maria Greverus einendeutlich konturierten Sonderweg. 20 Prozent der Standorte tragen einesinguläre Fachbezeichnung mit jeweiligen Spezifika. Die Bezeichnung>> Europäische Ethnologie« kann als» neue Wissenschaft<< und»> jungeDisziplin<<( Homepage Berlin) verstanden werden oder auf der nuancen-reichen Gegenseite jene Standorte verzeichnen, bei denen EuropäischeEthnologie fast als Synonym für Volkskunde zu werten ist. Zwischendiesen beiden Polen steht das Weiterentwickeln volkskundlicher Fach-traditionen hin zu einer historisch und sozial dimensionierten verglei-chenden Kulturwissenschaft( vgl. Homepage Wien). Zwar erfordert derjeweilige Namen Bezugsstrategien, aber die Tendenz zu unterschiedli-chen Kombinationen der Fachbezeichnung lässt weiterhin Raum fürVielfalt. Eine starke Gemeinsamkeit zeichnet sich dadurch ab, dass 85Prozent der Institute angeben, sowohl historisch als auch gegenwartsori-entiert und ethnographisch zu forschen. Nur der Standort Zürich spezi-fiziert in der Konzentration auf» Populäre Kulturen«<< nicht in historischeoder gegenwartsorientierte Forschung.
7
8
Die Daten für die Untersuchung wurden im Frühjahr 2008 erhoben; die Vortrags-version( Juni 2008) wurde sprachlich leicht überarbeitet.
Peter Niedermüller: Diskussion, in: Regina Bendix, Tatjana Eggeling( Hg.): Namenund was sie bedeuten. Zur Namensdebatte im Fach Volkskunde(= Beiträge zurVolkskunde in Niedersachsen, 19). Göttingen 2004, S. 45-50, S. 46.