300 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIII/ 112, 2009, Heft 3
nicht- sesshaften Bevölkerung von unter anderem Wanderarbeiterinnen,Hirten, Vagantinnen oder Bettlern hat sich im Zuge der nationalen Iden-titätsbildung im 19. Jahrhundert verstärkt. Die Sesshaftigkeit hat sichhier zu einem dominanten Kulturmuster und zu einem zentralen Wertder aufstrebenden bürgerlichen Gesellschaft entwickelt. Sie ist weitausweniger>> Grundbedürfnis«< als die Wohnforschung in Architektur undSozialwissenschaft dies glauben mag, sondern sie ist, wie Konrad Köstlinschreibt, vor allem ein Traum der Moderne! 31 Bedürfnis und Repräsen-tation lassen sich kaum auseinander sezieren.
Untersuchungen zu mobilen Bevölkerungsgruppen zeugen vor allemvon der großen Angst der ansässigen Bevölkerung. Die Theoretiker derModerne hatten diese Dichotomie als conditio sine qua non der moder-nen Kulturentwicklung aufgefasst. Der in der Soziologie wiedergerne zi-tierte Georg Simmel etwa hat in seiner klassischen Studie über den Frem-den Angst und Faszination zugleich beschrieben, die der Lokale dempotenziell Multilokalen entgegenbringt: Der kommt und geht und droht,Deine Geheimnisse mitzunehmen! 32 Claude Lévi- Strauss fügte dem 50Jahre später hinzu, dass der Fremde, er ist nota bene männlich, vor allemauch»> droht«<, die Frauen mitzunehmen- es ist Deine eigene, die ihmfolgen könnte-, und er interpretiert diesen Zuschreibungsprozess alseine die Kultur stabilisierende Strategie eines endogamisch orientiertenNormensystems 33. Empirische Studien in Volkskunde und Ethnologiehaben diesen Satz in zahllosen Studien belegt.
Wir müssen hier zu Recht fragen, ob man aus diesen Erkenntnis-sen heraus der heutigen Multilokalistin eine Relativierungsmächtigkeitzusprechen kann, wie sie den modernen urbanisierten Menschen par ex-cellence auszeichnet? Weder Hier noch Da ist sie richtig zuhause eineFremde, und damit in der Lage, die Ortsgewissheiten des einörtig behei-mateten Menschen infrage zu stellen.
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Für den Ansässigen, der es( im Geografie- und Geschichtsunterrichtder Schule!) gelernt hat, Identität, Raum und Kultur als deckungsgleichaufzufassen, ist die soziale Rolle des Mobilen ambivalent. Seine territo-
31 Konrad Köstlin: Die Rede vom modernen Nomaden, in: Walter Deutsch et al.( Hg.):Sommerakademie Volkskultur 1994: Weg und Raum. Wien 1995, S. 19-28.
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Georg Simmel: Exkurs über den Fremden, in: Ders., Soziologie. Untersuchungenüberdie Formender Vergesellschaftung( 1908), Gesammelte Werke, Bd. 2. Berlin 1968, S.509-512.
Cf. Claude Lévi- Strauss: Le système de la parenté. Paris 1977: PUF[ Plon 1967].