294 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIII/ 112, 2009, Heft 3
der präsidiale Sommersitz des österreichischen Bundespräsidenten ist dasJagdschloss Mürzsteg in der Obersteiermark, der russische weilt in Sot-schi auf der Krim, während der französische die Ferien auf der FestungBrégançon am Mittelmeer verbringt. Sie wissen auch, auf welchem Som-merschloss sich ihre Königsfamilie aufhält: die schwedische auf Öland,die britische in Schottland, die spanische auf Mallorca; und viele kennendie Bilder der prächtigen Chalets europäischer Fürstenfamilien in denalpinen Skiressorts.
Diese hoch mediatisierten Glanzbilder nähren nicht nur Wunsch-träume, sondern sie zeugen auch von den Residuen machtvoller repräsen-tativer Raumnahmen, dem einstigen Markieren der Herrschaftsräume.Im Vergleich dazu genießen die vielfältigeren bürgerlichen Zweitwohn-formen in der Spätmoderne ein weniger großes Maß an Öffentlichkeit.Doch auch bei dem in der Vergangenheit eher diskret gehandhabten Feri-enhaus der Münchener Lehrerfamilie in der Toskana, der Sommerfrischedes Wiener Geografieprofessors im Mühlviertel, der des saarländischenRechtsanwaltes in Südfrankreich oder der Villa des Luzerner Unter-nehmers an der kanadischen Westküste, die unlängst verkauft wurdezugunsten einer neuen Immobilieninvestition in den Emiraten... lassensich Veränderungen in der öffentlichen Besprechung, eine Zunahme derdiskursiven Präsenz von Mehrörtigkeit beobachten. Diese schichtspezi-fischen Raumnahmen in der relativ gewordenen Fremde finden gleich-falls an historisch erlaubten, das heißt an vorgezeichneten, kulturell undökonomisch etwa durch eine Wegbereitung von Anlagemöglichkeiten
- vorbereiteten Plätzen statt.
Noch weniger besprochen, erfasst und erforscht sind die Zweit-wohnformen der so genannten unteren Mittelschichten, der Menschenim Erdgeschoss der Kultur, wie Arnold Niederer sie in den 1970er Jahrenin den eigentlichen Zuständigkeitsbereich der Volkskunde gestellt hat-te. 13 Was wissen wir über das Apartment des Straßburger Lebensmittel-händlers türkischer Abstammung in Antalya, über den Wohnwagen desAargauer Schlossers auf einem Dauercampingplatz am Bieler See, überdas Fischerhäuschen in Southwold an der Nordostküste Englands, dasder Krankenpfleger aus London jahraus jahrein mietet, oder das Haus-boot des Standesbeamten aus Kopenhagen, mit dem er den Sommer zu
13 Arnold Niederer: Kultur im Erdgeschoss. Der Alltag aus der neuen Sicht des Volks-kundlers, in: Schweizer Monatshefte, 6, 55, 1975, S. 461-467.