290 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIII/ 112, 2009, Heft 3
sequenzen der großen Arbeitsmigration der 1950/ 60er Jahre der armenBevölkerung aus der Region Catania, Istanbul oder Porto ins gelobteWestmitteleuropa Sache einer Politik der Integration, so ist diese Auf-fassung heute der Feststellung der Umkehrbarkeit( Reversibilität) undder Multidirektionalität der Bewegungen und Orientierungen gewichen.Den Nationalstaaten verlangen die Verläufe der Trans- Bewegung kom-plexe Strategien der kulturellen Governance ab.
Spätmoderne Wanderungen manifestieren sich translokal ebenso inOst- West- Ost wie in Nord- Süd- Nord- Verläufen. Die Bewegungen derMenschen ändern sich mit ihren Zielen. Die Ziele sind im Vergleich zurModerne vielfältiger geworden, auch wenn sie nach wie vor Tribut eben-so der ökonomischen Dringlichkeiten oder Möglichkeiten wie auch derdiskursiven Denkbarkeiten des eigenen Handelns sind. Das Dazwischenals intrinsischer Teil der Bewegung, die Kompetenz zur Interaktivierungder>> Sphären des Alltags«( Hans Trümpy) kann in dem Augenblick insBlickfeld der Betrachtung gelangen, als der Fortbewegung selbst jenseitsdes ökonomisch Unweigerlichen Spielräume gegeben sind. Der wissen-schaftliche Blick muss den veränderten Bedingungen und Möglichkeiten,den Relativierungsmomenten, entsprechend Rechnung tragen.
Es liegt nahe, eine solche Spannung zwischen Bewegung und Blei-ben sowohl als Impuls für als auch als Indikator von Gesellschaftswandelaufzufassen. Am Beispiel der zunehmend multilokalen Lebensweise inder Gegenwart lässt sich dies verdeutlichen. Die Auseinandersetzung mitdiesem Thema hat neben dem konkreten Erkenntnisertrag einen heuris-tischen Wert. Denn Multilokalität lässt sich sowohl als Indiz für neueBeweglichkeiten lesen wie als Metapher für die Vielörtigkeit der Kultur-wissenschaft.
Was lässt sich unter Multilokalität verstehen?
In allen europäischen Ländern hat im vergangenen Jahrzehnt die Zahl derstädtischen und ländlichen Zweit- oder Drittwohnungen stetig zugenom-men. Diese Wohnungen zeigen an, dass multilokal lebende Menschen ei-nen Teil ihrer Zeit mehr oder weniger regelmäßig an einem zweiten oderdritten Wohn- oder Aufenthaltsort verbringen. Diese Lebensweise um-fasst touristische Praxen ebenso wie die Wohnpraxen gänzlich verschie-dener mobiler Gruppen wie Studierende, Matrosen oder Saisonarbeiteres sind. Mehrörtige Alltagspraxen betreffen Migranten wie Berufspend-