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OZV LXIII/ 112, 2009, Heft 2
>> hausgemachte«<, nicht- medikalisierte Samenspenden gezeugt wurdenals Bereitschaft zur Übernahme langfristiger Verantwortung. Diese Be-reitschaft und das Glücksgefühl der freien Entscheidung seien in allendrei Fällen von Freunden, seiner Herkunftsfamilie und seinem sozialenUmfeld zunächst als ausgesprochen risikoreich wahrgenommen wor-den.» Also meine Eltern zum Beispiel:> Bist Du wahnsinnig, der Typ,der nimmt Dir das Letzte, den letzten Pfennig aus der Tasche, der hat jaeinen Beleg, dass Du ihn finanzieren musst<. Und dasselbe war bei denKindern, dass die meisten Leute, oder doch viele, mit denen ich danngeredet habe, sofort fragten:> Bist Du richtig abgesichert? Die zockenDich doch total ab. Wenn die sich trennen oder eine Frau kein Geld mehrhat, dann musst Du für die Kinder aufkommen<, etc. pp.«< 41 Wissenüber rechtliche Möglichkeiten, die gesundheitlichen Gefahren einer zuHause vorgenommenen, nicht medizinisch kontrollierten Samenspende,die Pädagogik und Psychologie der Kindererziehung in gleichgeschlecht-lichen Partnerschaften kommt in dieser Fallgeschichte erst sekundärins Spiel. Das für diese Verwandtschaftspraxis bedeutungsvollste Wissenentstammt den sozialen Netzwerken und institutionalisierten Formender Wissensproduktion innerhalb schwul- lesbischer Emanzipationsbe-
wegungen.
In allen drei ethnographischen Vignetten werden Formen von Ver-wandtschaft und Elternschaft realisiert, die sich nicht unter einem Signum>> axiomatischer Sicherheit«< 42 verorten lassen. Es sind» ungewöhnliche<<Verwandtschaftsverhältnisse, die unter Hinzuziehung von Expertenwis-sen, spezialisierten Dienstleistern oder Beratungsstellen einer sozialenBewegung hergestellt und gedeutet werden. Es geht um von Entschei-dungsnotwendigkeiten und-risiken durchzogene Prozesse, in denenInformationen und Wissen eine zentrale Rolle spielen. Auffällig ist dieDeutlichkeit, Offenheit, Explizitheit, mit der Entscheidungen über Ver-wandtschaft und Zugehörigkeit verhandelt und gefällt werden. Deutlichwird auch, dass der Umgang mit Information sowie das Einweben vonVerwandtschaftswissen in familiäre Lebensweisen keine zeitlich begrenz-
41 Interview Jens Atamer, Berlin, 15.3.2008.
42 Dieser Begriff wurde in einem anderen inhaltlichen Kontext geprägt von Gerd Bau-mann: Managing a Polyethnic Milieu: Kinship and Interaction in a London Suburb,in: Journal of the Royal Anthropological Society,( N.S.) 1, 1995, S. 725–741, zitiert inCarsten( wie Anm. 20) S. 143.