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OZV LXIII/ 112, 2009, Heft 2
senhafter historischer Quellen etliche Annahmen über Verwandtschaftund Familienformen in der geschichtlichen Entwicklung Europas alsalte Zöpfe abzuschneiden. So relativierte die historisch- anthropologisch-volkskundliche Familien- und Verwandtschaftsforschung weitverbreiteteMythen über die Spezifik europäischer Familien- und Verwandtschafts-modelle durch neues Wissen über alte Familien- und Verwandtschaftsver-hältnisse. Ungewöhnlich erfolgreich war die historisch- anthropologischeFamilien- und Verwandtschaftsforschung in den letzten Jahrzehnten ins-besondere in der Zurückweisung gängiger Vorstellungen über den mehroder weniger kontinuierlichen Funktions- und Bedeutungsverlust vonFamilie und Verwandtschaft in Europa seit dem Mittelalter. Neue For-schungen zeigen andere, zum Teil sogar gegensätzliche Trends. Die his-torische Familienforschung konnte vor allem die Heterogenität familien-und haushaltsbezogener Lebensformen rekonstruieren und zeigen, dassdie spezifisch europäische Form der Gattenfamilie keineswegs eindeutigein Produkt der Industrialisierung war, sondern in ihren konstitutivenElementen sehr viel älteren Datums ist, beziehungsweise in vielen Epo-chen ein übliches oder mindestens nicht seltenes Familienmodell darstell-te.²² Dies ermöglichte neue Fragen nach dem Verhältnis von Verwandt-schaft, Familie und Religion23, nach der Rolle von Verwandtschaft in derFormation und Transformation von Klassenstrukturen 24 und nach demZusammenhang von Verwandtschaft und Individualisierung.25 NeuesteUntersuchungen thematisieren unter anderem, wie sich im Übergang zurModerne und parallel zum Aufstieg des Staates engmaschige verwandt-schaftliche Kooperations- und Tauschnetze in der horizontalen, auf Alli-
22 Vgl. Peter Laslett: The World We Have Lost. London 1965; Hans Medick, DavidSabean( Hg.): Emotionen und materielle Interessen. Sozialanthropologische und hi-storische Beiträge zur Familienforschung. Göttingen 1984; Heide Rosenbaum, Eli-sabeth Timm: Private Netzwerke im Wohlfahrtsstaat. Familie, Verwandtschaft undsoziale Sicherheit im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Konstanz 2008.
23 Exemplarisch Jack Goody: Die Entwicklung von Ehe und Familie in Europa. Frank-furt a.M. 1989; Michael Mitterauer: Historisch- Anthropologische Familienfor-schung. Fragestellungen und Zugangsweisen. Wien, Köln 1990.
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Carola Lipp: Kinship Networks, Local Government and Elections in a Town inSouthwest Germany 1800-1850, in: Journal of Family History, 30, 4, 2005, S. 347-365; David Warren Sabean: Kinship in Neckarhausen, 1700-1870. Cambridge, NewYork 1997.
25 Martine Segalen: Die Familie. Geschichte, Soziologie, Anthropologie. Frankfurta.M., New York 1990( Originalausgabe Paris 1981).