Der Imperativ, sich zu verbindenNeue kulturanthropologischeForschungen zu Verwandtschaftin europäischenGegenwartsgesellschaften
Michi Knecht
Einer bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts hineinverbreiteten Metaerzählung zu Folge haben Relevanz,Präsenz und Funktionen von Verwandtschaft jenseits derKernfamilie in Europa kontinuierlich abgenommen. DerBeitrag rekonstruiert das Aufbrechen dieser Lehrmeinungund diskutiert neue Fragestellungen zu Verwandtschaft imKontext von Wissenschaft, Technologie und Transnatio-nalisierung. Ethnographische Beispiele für eine Auswei-tung von Verwandtschaftsnetzwerken in Gegenwartsge-sellschaften werden im Kontext einer Ethnologie des Kon-temporären diskutiert.
Lange Zeit galt die Europäische Ethnologie in ihren beiden Spielarten,der volkskundlich- reformierten und der sozialanthropologisch orientier-ten, als ein in besonderer Weise dem gerade Vergangenen zugeneigtesFach. Nicht nur die klassisch außereuropäische Ethnologie des 19. und20. Jahrhunderts ließ sich in relevanten Teilgebieten als salvage ethno-graphy beschreiben, als eine Forschungs- und Darstellungsweise, die aufdie Bewahrung und Erinnerung gerade solcher Lebensweisen ausgerich-tet ist, die durch beschleunigten Wandel, Kolonialisierung oder Globali-sierung als bedroht erscheinen. Es gehörte – und gehört zum Teil – auchzum innerdisziplinären Common Sense der Europäischen Ethnologien,davon auszugehen, dass sich das Fach durch eine besondere Zuständigkeitfür Unzeitgemäßes auszeichnet, für Nicht- Modernes und gerade nichtmit besonderen Neuigkeitswerten Behaftetes. Die Europäische Ethnolo-