Aufsatz in einer Zeitschrift 
Bemerkungen zu St. Engelbert
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ÖZV LXIII/ 112, 2009, Heft 1

dieses in privater Initiative geschaffenen katholischen Gedächtnisorteszu einem»> Staatsmonument« erfolgte erst mit der Schlusssteinlegung undEinweihung der Kirche im September 1934. Denn damals wurden zweiSarkophage in der Krypta der Kirche bestattet, wurde aus der Seipel- Ge-dächtniskirche die Seipel- Dollfuß- Gedächtniskirche:» Die gemeinsameBestattung in der Kirche schuf eine Kontinuität zwischen dem 1932 ver-storbenen Seipel und dem 1934 ermordeten Dollfuß. Obwohl( oder gera-de weil) die beiden Politiker sehr verschieden waren, wurde die Berufungauf den langjährigen Obmann der Christlich- Sozialen und Kirchenmannim Amt des Kanzlers zu einem wesentlichen Teil des von staatlicher Seitepropagierten Dollfuß- Mythos«.37 Ungeachtet solcher Zusammenhängeim ständestaatlichen Symbolhaushalt wird in diesem Beispiel eine Funk-tion des>> politischen Heiligenkults< 38, mit dem wir es hier zu tun haben,deutlich: das jeweilige Devotionsobjekt in die emotionale Sphäre einertraditionellen kirchlichen Organisationsform- diesfalls in die Aura desAndächtigen, wie sie Begräbnisstätten eignet- einzubeziehen und zu-gleich in eine säkulare Symbol- und Identifikationsfigur zu transformie-

ren.

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Die Kirche auf dem Krimhildplatz39 war aber nicht die einzige, dieseinerzeit in Wien expressis verbis Engelbert Dollfuß gewidmet war.Das Rektorat der anno 1934 um ein neues Langhaus erweiterten KircheSt. Gertrud in Wien- Währing hatte bereits» am Tag nach der Ermordung[ Dollfuẞ'] um die Beisetzung in der Unterkirche unseres Neubaues« an-

36 Burjan, aufgrund ihrer langjährigen karitativen Tätigkeit organisatorisch versiert,war gewissermaßen ein Spendensammelgenie und hatte zudem Kontakte zu einfluss-reichen Kreisen- das von ihr gegründete Baukomitee stand immerhin unter dem Eh-renschutz von Bundespräsident Wilhelm Miklas und Bundeskanzler Dollfuẞ. Burjanstarb am 11. Juni 1933, sollte also die Grundsteinlegung»> ihrer<< Kirche nicht mehrerleben; Pawlowsky( wie Anm. 31), S. 4.

37 Pawlowsky( wie Anm. 32), S. 5. Eine zeitgenössische Abbildung der Krypta etwa beiLiebhart( wie Anm. 22), S. 245.

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38 Gottfried Korff: Bemerkungen zum politischen Heiligenkult im 19. und 20. Jahr-hundert, in: Gunther Stephenson( Hg.): Der Religionswandel unserer Zeit im Spie-gel der Religionswissenschaft. Darmstadt 1976, S. 216-230, S. 217 f.Ihre weitere Symbolgeschichte ist von Verena Pawlowsky ausführlich dargestellt:Anfang 1939 wurden in einer Art Nacht- und Nebelaktion( nämlich tatsächlich in derNacht vom 23. auf den 24. Jänner) die Sarkophage Dollfuẞ' und Seipels dorthin ge-bracht, wo sie kurzfristig vor 1934 waren auf den Hietzinger bzw. Zentralfriedhof.Damit wurde allerdings auch»> in einem Akt des Vergessenmachens ein Weg gewählt,der die Symbolik nicht durch eine neue ersetzte, sondern sie auf unauffällige- undvielleicht deshalb umso nachhaltigere- Weise demolierte«, Pawlowsky( wie Anm.32), S. 5.