2008, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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BOHLMAN, Philip V.: Jüdische Volksmusik. Eine mitteleuropäischeGeistesgeschichte( Schriften zur Volksmusik 21; Veröffentlichungen desInstituts für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie an der Universitätfür Musik und darstellende Kunst Wien), Wien u.a.: Böhlau Verlag, 2005,388 Seiten, s/ w Abb., Notenbeispiele.
Der Haupttitel dieses Buches könnte in die Irre führen: Wer eine Gesamt-darstellung oder eine Sammlung„ jüdischer Volksmusik“ erwartet, wirdschnell enttäuscht werden, denn es handelt sich hierbei um eine umfassendeAnthologie von Texten, die- unter anderem- Vorstellungen, was jüdischeVolksmusik sei oder sein sollte, thematisieren. Wer sich jemals mit diesemoder einem vergleichbaren Gegenstand auseinandergesetzt und sich in im-mer wiederkehrenden Diskussionen um Klärung dieser Problematik befun-den hat, wird den beträchtlichen Wert dieser Anthologie schnell zu schätzenwissen. Jeder der 30 Quellentexte, die einen Zeitraum von Ende des 19. biszum Ende des 20. Jahrhunderts abdecken, durch eine fundierte Einleitungdes Autors kommentiert, beleuchtet Phänomene, die in der„ Wiederer-weckung“ der Volksmusik während dieses Zeitraums, in der Schaffung einerÖffentlichkeit für ein verschwindendes Kulturgut und in der Identitätsstif-tung durch und mit Musik eine herausragende Rolle spielten. Insofern istdieses Buch weniger ein Buch über Musik selbst als über die Bedeutung vonMusik für eine Gesellschaft auf der Suche nach Identität.
Dies stellt tatsächlich den bedeutendsten Gewinn dieser Anthologie dar.Wie nur selten wird hier das gesellschaftliche ,, Wollen“ um eine Volksmusikals konstitutives Element einer Gemeinschaft in dieser Deutlichkeit erkenn-bar. Definition, Selbstverständnis und Identitätsstiftung sind in ihren Aus-prägungen und Wandlungen erst anhand der hier zur Verfügung gestelltenZusammenschau der ausgesuchten Texte möglich und stellen den eigentli-chen Gegenstand ,, Jüdische Volksmusik“ in ein neues Licht. Dies machtauch nachvollziehbar, warum einige Texte von eher marginaler Relevanzoder problematischer Darstellung der Thematik hier mit aufgenommenwurden wie etwa Max Brods feuilletonistischer Text ,, Jüdische Volkslie-der", der faktisch eine- inhaltlich in vielen Details fragwürdige- Reflexionüber Gustav Mahler darstellt, und in seiner Neigung zu beginnender Legen-denbildung und Idealisierung vom eigentlichen Gegenstand ebenso fortführtwie etwa der gewählte Ausschnitt aus Paul Nettls„ ,, Alte jüdische Spielleuteund Musiker in Prag“( 1923), in dem durch die Komposition höchst frag-mentarischer historischer Belege ein Geschichtsbild von geringer Tragfä-higkeit, aber hohem Potential zu romantischer Fortspinnung gezeichnetwird. Dies führt in der Zusammenschau die Widersprüche vor Augen, eine,, jüdische Volksmusik“ mit wenigen Worten oder gar Definitionen zu fas-